Erzbistum Berlin

Sozialcourage - das Magazin für Ehrenamtliche

Die Sozialcourage ist das Caritas-Magazin für soziales Handeln und richtet sich an ehrenamtliche Mitarbeiter(innen) und sozial engagierte Menschen.

Reportagen, Interviews, Geschichten aus der Arbeit nah an den Menschen: Wir wollen Lust aufs Ehrenamt und soziale Themen machen. Die Sozialcourage erscheint vier Mal im Jahr und besteht aus einem Mantelteil, in dem Artikel aus dem gesamten Bundesgebiet zu lesen sind. Zusätzlich gibt es sechs Seiten, die für jede Region in Deutschland gestaltet werden. Hier lesen Sie Artikel aus dem Erzbistum Berlin mit Themen und Geschichten aus Berlin, Brandenburg und Vorpommern.

Ausgabe 1/2017

Schwerpunkt

Ehrenamtsgewinnung und -koordination

Schwerpunktthema für die Ausgabe 1/2017 ist "Ehrenamtsgewinnung und -koordination". Wir haben uns bzw. Katja Eichhorn gefragt, wie es gelingt, Ehrenamtliche zu gewinnen und zu halten, zu begleiten und fortzubilden.

Das Team des Hard Rock Cafe Berlin beim Gärtnern / Walter Wetzler

Sozialcourage

Aufblühen im Ehrenamt

Katja Eichhorn ist beim Caritasverband für das Erzbistum Berlin die Verbindungsstelle zwischen Ehrenamtlichen und Einrichtungen. „Koordinatorin im Fachreferat Ehrenamt“ heißt ihr offizieller Titel. Sie selbst nennt sich die „Freiwilligenagentur der Caritas“. mehr

Ein Ehrenamtlicher gibt Deutschunterricht / Walter Wetzler

Sozialcourage

Meine Heimat, deine Heimat: Nachbarschaft verbindet

Seit Oktober 2016 ist das Haus „St. Konrad“ in Schöneiche ein Ort der Zuflucht für Familien und andere, die geflohen sind. Wie eine neue Nachbarschaft entsteht und wie man sie unterstützen kann mehr

Ulrike Kostka: Barmherzigkeit ist cool / Walter Wetzler

Sozialcourage

Caritas als Arbeitgeber: "Wir wollen Transparenz leben"

Der Journalist Thomas Klatt wirft einen Blick in die Zukunft des Arbeitgebers Kirche. Exemplarisch nimmt er den Pflegebereich des Caritasverbands für das Erzbistum Berlin unter die Lupe. Allein 2015 betreute die Caritas Altenhilfe 6.190 Senioren mit insgesamt 2.045 Mitarbeitenden. Caritasdirektorin Ulrike Kostka gibt Einblicke. mehr

Ausgabe 4/2016: Armut und Befähigung

Sozialarbeit am Herd

Kindermittagstisch 1Gemeinsam kochen und essen – das zeichnet das Berliner Jugendzentrum Magda aus.Angela Kröll

Getrockneter Asia-Snack und Toastbrot zählten zu den Grundnahrungsmitteln von Svenja Daß‘ Schützlingen. Die Leiterin des Caritas-Jugendzentrums "Magda" verzieht noch immer das Gesicht, wenn sie an die Anfänge denkt. Mittlerweile kommen Salat und selbstgemachte Spaghetti Bolognese auf den Tisch. Ein offener Raum mit Küchenzeile, ein paar Bürotüren gegenüber, in einer hinteren Ecke Computer, in der Mitte ein großer Tisch mit Stühlen: Hier wird gekocht, gegessen, geredet - Gemeinschaft erlebt und Christsein gelebt. Im Holzhaus in der Lichtenberger Gotlindestraße 38 bietet die Caritas Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft eine Anlaufstelle nach der Schule. Statt alleine vor der Glotze zu sitzen, erleben sie hier Gemeinschaft - gemeinsames Essen inklusive. "Vielen fällt es unheimlich schwer sitzenzubleiben, bis der Letzte aufgegessen hat", berichtet Svenja Daß. "Unsere Jugendlichen sind es gewohnt, dass zuhause jeder allein vor dem Computer isst."

„Die Kinder hatten einfach Hunger” 

In Berlin-Lichtenberg lebt jedes dritte Kind von Hartz IV. So ist der Kindermittagstisch der Caritas zunächst ein wesentliches und niedrigschwelliges Angebot, das aus einem einfachen Grund entstanden ist: "Wir haben gemerkt: Die Kinder hatten einfach Hunger", erzählt Svenja Daß vom Beginn im Jahr 2005. "Die Eltern haben ihre Kinder in der Schule nicht zum Essen angemeldet, weil sie es sich nicht leisten können. Teilweise aber auch, weil es ihnen egal ist."

Kindermittagstisch 3Beim Schnippeln und Schnacken: Svenja Daß hat einen guten Draht zu den Kindern im Jugendzentrum Magda.Angela Kröll

Was im "Magda" auf den Tisch kommt, entscheiden die Jugendlichen selbst. Natürlich stehen Klassiker wie Pizza, Spaghetti und Lasagne ganz oben auf der Hitliste. Doch auch im Internet lassen sich die Jungen und Mädchen mittlerweile gern zu Ausgefallenerem inspirieren. Auch einen gesunden Salat planen sie selbstverständlich mit ein. "Dann wird diskutiert, ob mit Rucola oder Feta." Svenja Daß erzählt, wie sie anfangs mit ihren Kollegen spielerisch Lebensmittelkunde betrieben haben, beispielsweise mit "Gemüse-Memory". "Tomate, Gurke und Apfel kannten unsere Jugendlichen. Dann hörte es schon auf. Champignons kamen für sie aus der Dose."

Gesund muss nicht unlecker sein

Nicht nur gekocht, sondern auch eingekauft wird im "Magda" selbst. "Wir gehen extra in den Discounter, den die Jugendlichen von zuhause kennen. So lernen sie, wie sie auch zuhause für ihre Familien ein günstiges und gesundes Essen kochen können. Die einen kaufen ein, die anderen schnibbeln und wieder andere räumen hinterher auf. Das Mittagessen ist Teamwork. Wer mitisst, muss auch mithelfen. Und das Handy hat nichts am Esstisch zu suchen. Wieder so eine Regel, die den Jugendlichen nicht immer leicht fällt, einzuhalten, weiß Svenja Daß. Das gemeinsame Kochen steht für mehr als eine gesunde, warme Mahlzeit. Es bietet einen entspannten Rahmen für die Sozialarbeiter, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, von ihren Anliegen und Sorgen zu erfahren. "Am Tisch tauschen sie sich viel untereinander aus", erzählt Svenja Daß. "Auch der Weg zum Einkaufen lässt sich gut für ein Gespräch nutzen."

Kindermittagstisch 2Lecker und im besten Fall noch gesund. So soll das Essen im Jugendzentrum Magda sein.Angela Kröll

Nach dem Essen unterstützen Svenja Daß und ihre Kollegen bei Hausaufgaben, Bewerbungen oder der Vorbereitung einer Präsentation. Auch bei der Suche nach Praktika sind die Betreuer gern behilflich. Immer wieder äußere auch ein Jugendlicher den Wunsch, Koch zu werden. So wie Matthias*. Heute habe er keine Lust mitzukochen. "Aber wenn ich dann ein richtiger Koch bin, gebe ich euch meine Rezepte", verspricht er Svenja Daß und schlendert Richtung Computerecke. Gekocht wird mittlerweile nicht nur im "Magda". "Ein Mal in der Woche gehen wir an eine Schule und kochen dort mit den Kindern", berichtet Svenja Daß. Und auch das Catering für die Kinderoper hatten die "Magda"-Köche zuletzt übernommen. An diesem Dienstagnachmittag geht es ein wenig wuseliger zu. Die Gruppe der Koch- und Esswilligen ist größer als sonst. Seit einiger Zeit kommen auch Geflüchtete zu Besuch ins "Magda". Einige von ihnen haben heute das Kochzepter übernommen. "Vormittags waren sie bereits in Neukölln Fleisch einkaufen, das halal ist. So etwas bekommt man in Lichtenberg nicht", sagt Svenja Daß.

Kindermittagstisch 4Selber kochen macht Spaß.Angela Kröll

Heißer Dampf wabert über dem Herd. Der Duft von orientalischen Gewürzen zieht bereits durch den offenen Raum - Kardamom, Kümmel, Koriander. So läuft die Warenkunde nebenbei. "Seitdem die Geflüchteten auch mit uns kochen, kennt jeder unserer Jugendlichen eine Zucchini."
Geflüchtete zu Besuch im Jugendzentrum? Das "Magda"-Team war sich anfangs nicht sicher, wie die Jugendlichen reagieren würden. Deren Familien würden häufig mit der AfD und einer rechten Gesinnung sympathisieren, weiß Svenja Daß. "Wir haben viel mit ihnen geredet und ihnen klar gemacht, dass es von der Person und nicht der Nationalität abhänge, ob jemand doof ist oder nicht." Es hat funktioniert. Sie kochen nun alle gemeinsam, sitzen später um den großen Tisch und warten bis der Letzte aufgegessen hat.

*Name geändert

Weitere Infos zum Caritas-Jugendzentrum "Magda"

Hier können Sie den Kindermittagstisch mit Ihrer Spende unterstützen

Enge Grenzen aufgeben und neue Räume ermöglichen

Eine Gruppe diskutiert

Eingeladen haben die Projektstelle "Caritas rund um den Kirchturm", der Caritasverband für das Erzbistum Berlin, sowie das Erzbischöfliche Ordinariat. "Caritas ist einfach nicht so in den Köpfen", hat Rita Kampe in ihrem Alltag festgestellt. Sie arbeitet bei der Allgemeinen Sozialberatung Mitte und ist mit zehn Wochenstunden zusätzlich für das Projekt "Caritas rund um den Kirchturm" tätig. Ihr Wirkungsfeld ist das rund um St. Paulus, dem ersten pastoralen Raum des Erzbistums Berlin. So erfährt sie hautnah, wo es im Prozess vorwärts geht und wo es hakt. Sich kennenlernen, sich Gedanken machen, wie die Fähigkeiten des anderen genutzt werden können - auch auf Caritas-Seite müsse ein Umdenken stattfinden, räumt Rita Kampe ein. Wie "Kirche mitten unter den Menschen" funktionieren kann, dafür sollte der Fachtag in der KHSB Impulse und Praxisbeispiele geben. So hofften Rita Kampe und die übrigen rund 70 Teilnehmer auf neue Denkanstöße. Die bekamen sie unter anderem von Professor Stefan Bestmann, Dozent an der KHSB. Sich selbst zurücknehmen, abwarten und sich mit seiner Kompetenz zur Verfügung stellen entspreche nicht dem verbreiteten Wirkungsverständnis von Caritas-Mitarbeitenden. Doch gerade das sollten sie tun, sagte Professor Bestmann. Denn nicht der Experte ändere, sondern der Mensch selbst, wenn er erkenne, dass es ihm als besser erscheine. Die Aufgabe von Caritas und Pastoral sei das Ermöglichen. Mit einem Zitat von Papst Franziskus untermauerte Bestmann seinen Standpunkt: "Wenn man von sozialen Problemen spricht, ist es eine Sache, sich zusammenzusetzen, um das Problem der Droge in einem armseligen Haus zu studieren. Eine andere Sache ist es, dorthin zu gehen, dort zu leben, das Problem von innen zu sehen und es zu studieren."

Dr. Martin SchneiderDr. Martin Schneider sprach von "Containerräumen"Angela Kröll

Dr. Martin Schneider von der Ludwig-Maximilians-Universität München beleuchtete in seinem Vortrag vor allem das Raumverständnis. Er sprach von "Containerräumen", die in der Soziologie als abgeschlossene, statische Räume verstanden werden und von sogenannten "relationalen Räumen" als Beziehungsräume. Mit seiner Forderung, die "Container" zu verlassen, zielte er darauf, das Denken von engen Grenzen aufzugeben. Caritas müsse sich politischen Auseinandersetzungen und Fragen stellen, strukturelle Fragen im Blick haben und sich als Caritas in politische Kämpfe mit einbringen, betonte Schneider.
Mit Blick auf die Praxis fragte Caritas-Direktorin Ulrike Kostka ins Plenum, wie sich "tüfteln" und "Chaos zulassen" in den Arbeitsalltag integrieren ließen. Professor Bestmann verwies auf Forschungsabteilungen großer Unternehmen, die Freiräume lassen und so die normale Arbeit nicht beeinträchtigen.
Noch mehr Beispiele aus der Praxis konnten die Teilnehmer in verschiedenen Workshops kennenlernen.

Zwei Workshop-Teilnehmer notieren Ihre IdeenIn den Workshops wurden Ideen gleich festgehaltenAngela Kröll

Das Fazit der Veranstaltung brachten zwei Teilnehmer des Schlussplenums auf den Punkt. "Es braucht viel Zeit, um Sozialraumorientierung umzusetzen und den anderen Blickwinkel, sich zurücklehnen zu müssen, zu beobachten, zu sehen, was los ist, zu unterstützen", resümierte die Sozialarbeiterin vom Sozialdienst katholischer Frauen, Andrea Keil. Christian Thomes, beim Berliner Caritasverband verantwortlich für Gesundheits- und Sozialpolitik, betonte: "Wir sind Unterstützer und Ermöglicher von Räumen, wir sind nicht die Container." Die Resonanz der Fachtag-Besucher war überwiegend positiv. Es gab aber auch kritische Stimmen. So wurde bemängelt, dass bisher die Freiräume fehlen würden und es ein Umdenken auf Leitungsebene des Erzbistums brauche, um Ressourcen und Mittel frei zu geben. Pater Albert Krottenthaler SDB aus Marzahn haben die Vorträge "fast erschlagen". Nun gelte es zu sondieren. "Im Detail weiß ich noch nicht, was das für die Praxis bewirkt." Er nehme viel Energie mit, weiterzumachen auf der Entdeckungsreise. "Es tut gut, voneinander zu hören und zu unterstützen."
Und auch Rita Kampe geht gestärkt in ihren pastoralen Raum zurück: "Es hilft zu erkennen: Wir können das gemeinsam schaffen."

Zum Projekt "Caritas rund um den Kirchturm" 

Gute Aussichten in Anklam

Roswitha HeitmannRoswitha Heitmann ist Optimistin durch und durchWalter Wetzler

Roswitha Heitmann hat strahlend blaue Augen, sie sprüht vor Energie. Seit 1993 arbeitet die 51-jährige bei der Caritas in Anklam, ihr Startpunkt lag in der Familienhilfe, wo sie bis heute aktiv ist. Seit zwei Jahren koordiniert sie zusätzlich das Arbeitsprojekt auf einem Hof mit zwei Holzwerkstätten. Heitmann steht für Überblick. Den können ihre "Schützlinge" gut gebrauchen. Im Rahmen einer Bildungsmaßnahme des Jobcenters  werden Menschen ohne Beschäftigung fit für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gemacht. So bauen sie zum Beispiel gemeinsam Hochsitze für die Försterei. Heitmanns Team besteht aus sechs Mitgliedern. Es wird gehämmert, gekocht, gepflanzt und genäht. Im Kern geht es darum, den zwanzig Teilnehmern soziale Kompetenzen zu vermitteln. "Viele haben längst jede Tagesstruktur und soziale Kontakte aufgegeben", erzählt Heitmann. Morgens um acht Uhr schon hier zu sein, ist für die meisten schon eine echte Herausforderung. Die Altersspanne reicht von 19 Jahren bis zu 60 Jahren, doch alle haben eins gemeinsam: "Unsere Leute müssen neu lernen, sich in eine Gruppe einzufügen und auch mal etwas anzusprechen." Damit jeder seine Stimmung beschreiben kann, hängt ein so genanntes Smiley-Barometer über dem Tisch: In zehn Stufen wechselt der Pappsmiley von enttäuscht über neutral bis hin zu zufrieden. "Das hilft den meisten, in sich hineinzuhören und konkret zu benennen, wie es ihnen geht." Sechs Monate dauert die Maßnahme, so die gelernte Erzieherin. Diese Zeit vergeht schnell. Es braucht echten Willen, etwas zu verändern, um einen neuen Weg einzuschlagen. Diesen Willen haben Roswitha Heitmann und ihr Team auf alle Fälle. Man spürt: Heitmann hat Biss und bleibt dran. "Diejenigen, die morgens Alkohol im Blut haben, dürfen erst mit der Arbeit beginnen, wenn sie wieder nüchtern sind. Aber wir bemühen uns um jeden Einzelnen, es ist ein ständiges Motivieren zum Weitermachen."

In der Holzwerkstatt findet so mancher zu sich selbst zurückIn der Holzwerkstatt findet so mancher zu sich selbst zurückWalter Wetzler

Zusätzlich zum üblichen Tagesablauf begleiten Roswitha Heitmann und ihr Team auch zu Arzt- und Zahnarztbesuchen und helfen Drogen- und Alkoholabhängigen, sich ihrer Sucht zu stellen und sich von Profis helfen zu lassen. Woher Heitmann persönlich die Kraft dazu nehme? Es sind die Erfolgsgeschichten ehemaliger Klienten, die sie antreiben. "Wir bekommen auch eine Menge Dankbarkeit und Wertschätzung zurück", sagt sie. Manuela Schwesig wollte sich das auch einmal ansehen. Die Familienministerin kam Anfang September auf den Anklamer Schülerberg, so die Adresse des Projekts, und blieb deutlich länger als geplant. In der Holzwerkstatt sprach sie angeregt mit Klienten. Die Förderung erwerbsloser Menschen überzeugte sie. Ob und wie sich der Besuch auf die Zukunft des Caritas-Arbeitsprojekts auswirkt, bleibt abzuwarten. Neue Pläne haben Roswitha Heitmann und ihr Team aber schon jetzt: "Ab Januar 2017 wollen wir zehn zusätzliche Plätze einrichten, um dann 28 Menschen zu betreuen. Momentan sind wir deshalb fieberhaft auf der Suche nach neuen Außenstandorten und Kooperationspartnern", so die Projektkoordinatorin.
Der Blick zurück auf die Geschichte des Projekts zeigt, dass man eine Menge erreichen kann, wenn man mutige Ziele und einen langen Atem hat. So wie Alexander Liebisch, den in seiner Studienzeit die Leidenschaft für das Thema Arbeit gepackt hat, weil er darin ein wichtiges Grundbedürfnis für den Menschen sieht. Der heutige Leiter der Caritas-Arbeitsprojekte setzte seine Idee zum Projekt ab 2009 in die Tat um und baute sie für drei Standorte - zwei in Pasewalk, einer in Anklam - auf. "Es war damals unser Anliegen, eine Bildung für Erwerbslose zu organisieren, die sie auch annehmen würden."

Selber bauen und Gärtnern statt Frontalunterricht für Arbeitslose - das Erfolgsrezept der CaritasSelber bauen und Gärtnern statt Frontalunterricht für Arbeitslose - das Erfolgsrezept der CaritasWalter Wetzler

Maßgeblich neu war der Ansatz, jeden individuell nach seinen Möglichkeiten zu fördern. Liebisch erklärt, dass die Lieblingsformel der Behörden für Erwerbslose bis zu diesem Zeitpunkt aber "Klassenzimmer plus Lehrer für alle" lautete. Es folgte deshalb ein monatelanger Streit mit dem TÜV um die offizielle Anerkennung. Nur so würde das Jobcenter mit dieser neuen Maßnahme arbeiten und Klienten an die Caritas vermitteln können. "Das war eine schwere Zeit", so Liebisch. Schließlich kam der Zuschlag und der TÜV zertifizierte das Arbeitsprojekt nach und nach für alle drei Standorte. Seitdem besteht ein guter Draht zur öffentlichen Verwaltung und den ansässigen Jobcentern. Liebisch sieht aber noch größere Baustellen. Es seien bundesweit mindestens 500.000 Jobs nötig, die neu geschaffen werden müssten für Leute, die nicht mehr vermittelbar für den ersten Arbeitsmarkt seien. Es fehle ein öffentlich geförderter Beschäftigungssektor, damit Arbeitslose neue Perspektiven finden statt krank zu werden. "Das haben wir Frau Schwesig auch mit auf den Weg gegeben." Seine Motivation sei es immer gewesen, Menschen am Rand nicht abzuschreiben, sagt Liebisch. Hinsehen, wo der Schuh drückt und die Not der Menschen ernst nehmen. Im Caritas-Arbeitsprojekt zeichnen sich für Langzeitarbeitslose oder entmutigte Jugendliche neue Perspektiven am Horizont ab. Bekanntlich sieht man vom Hochsitz aus noch viel weiter.

Weitere Informationen zum Arbeitsprojekt

Ausgabe 3/2016: Pflege

„Definitiv gut fürs Karma”

Auszubildenden in der Altenpflege geht vieles durch den Kopf, und manches geht ihnen auch besonders nah. Die Pflege-Azubis Eva-Maria Henze und Matthias Bauerkamp von der Caritas-Altenhilfe Berlin geben als Internet-Blogger Einblicke in das, was sie bewegt. Der Austausch untereinander hilft, sagen die beiden. Mit ihren Blog-Beiträgen wollen sie im Netz Interesse für die Altenpflege wecken und jungen Menschen jenseits von Klischees ein authentisches Bild von ihrem Beruf vermitteln.

Bloggt für die Altenpflege: Matthias BauerkampBloggt für die Altenpflege: Matthias BauerkampWalter Wetzler

"Hi Leute, wie Ihr sicher über die Medien mitbekommen habt, hat die WHO den ersten globalen Diabetes-Report veröffentlicht. Mir waren viele Details überhaupt nicht bewusst, zum Beispiel die Zahl der Erkrankten - 422 Millionen weltweit", tippt Matthias Bauerkamp in sein Smartphone und wählt dafür den Reiter Brisantes.
"Mir ist es jetzt nach anderthalb Jahren passiert. Herr Z., mein Lieblingsbewohner ist verstorben", postet Eva-Maria Henze in der Rubrik Nachgedacht: "Er war ein so toller Mensch! Egal, wie schlecht mein Tag auch lief, Herr Z. schaffte es immer, ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. Dabei soll das ja eigentlich andersherum sein. Wir haben viel zusammen gelacht und auch geweint."
Die Themen des Blogs sind so vielfältig, wie das, was die Pflege-Azubis beschäftigt. So bietet die Plattform, die seit Frühjahr online ist und Caritas-Azubis in ganz Deutschland vernetzen will, auch Platz für Rubriken wie "gepflegter Humor", "gepflegte Kunst" oder einen Bereich "kritisch und politisch".
Eva-Maria Henze und Matthias Bauerkamp gehören zum Blogger-Team der ersten Stunde, das die Website entwickelt hat und mit Inhalten füttert. Dabei ist der Weg der beiden zur Altenpflege längst nicht so klar vorgezeichnet gewesen, wie man es vermuten könnte, wenn man ihre engagierten Pflege-Posts des Internet-Blogs verfolgt.
Ursprünglich kommt er vom Theater, verrät Matthias Bauerkamp, Auszubildender im Caritas Seniorenzentrum St. Konrad in Berlin-Oberschöneweide. Der Biesdorfer steht zunächst als Schauspieler auf der Bühne, führt Regie, inszeniert Aufführungen und kann sich bis heute vor allem für Shakespeare und spätere Brecht-Lyrik begeistern. Später studiert der heute 32-Jährige Theologie, spielt sogar einmal mit dem Gedanken, ins Pfarramt zu gehen.

Eva-Maria Henze mit Bewohner Günther Krüger im Caritas-Seniorenzentrum St. Elisabeth in VeltenEva-Maria Henze mit Bewohner Günther Krüger im Caritas-Seniorenzentrum St. Elisabeth in VeltenWalter Wetzler

Eva-Maria Henze arbeitet als Bürokauffrau bei einer Versicherung, für Logistik-Firmen und in einem Unternehmen der Windkraftanlagen-Branche. Die Oranienburgerin wird früh Mutter und studiert zwei Semester Wirtschaftsinformatik, bevor sie die Ausbildung zur Altenpflegerin im Veltener Caritas Seniorenzentrum St. Elisabeth beginnt. So unterschiedlich der Werdegang: Beide Azubi-Blogger kommen aus ganz ähnlichen Beweggründen mit dem Thema Altenpflege näher in Berührung. "Als meine Oma nach einem Schlaganfall nicht mehr richtig sprechen konnte, wollte ich begreifen, was ihr passiert ist und wie ich ihr besser helfen kann", erinnert sich Eva-Maria Henze.
Beim Durchforsten der Zeitung und Sichten des Stellenmarkts fallen ihr die vielen offenen Ausschreibungen auf. "Altenpflege ist definitiv Zukunft und definitiv ein bisschen was fürs Karma", sagt sie. "Also habe ich mich gefragt: Kannst Du das? Ist das vielleicht was für mich?"
Als die eigene Großmutter pflegebedürftig wird, verändert das auch Matthias Bauerkamps Blick auf die alternde Gesellschaft. Ihm wird immer klarer: "Ich möchte nicht nur über den demografischen Wandel reden, sondern selbst Verantwortung übernehmen und etwas Sinnvolles tun, das gebraucht wird." Die Altenpflege ist "ein Bereich, der sich wahnsinnig entwickelt", so der 32-Jährige.
Der wichtigste Punkt ist für beide Azubi-Blogger die soziale Komponente: "Wir sind sehr nah an den Menschen dran, die wir begleiten, und ich habe oft das Gefühl, Gutes zu tun", sagt Matthias Bauerkamp. "Man hat einen ganz anderen Kontakt als zum Beispiel im Alltag eines Büro-Jobs", sagt Eva-Maria Henze: "Man baut schon nach kurzer Zeit eine enge Bindung auf, weil die Menschen, die uns brauchen, uns sehr viel anvertrauen und man auch einen Teil von sich selbst preisgibt."
Respekt, Elan und gute Laune - das sind die Eigenschaften, die ein Pflege-Azubi auf jeden Fall mitbringen sollte. "Die Menschen brauchen Aufmunterung, natürlich auch dann, wenn man selbst vielleicht einen gebrauchten Tag erwischt hat oder zu Hause normalerweise eher ein Morgenmuffel ist", sagt Eva-Maria Henze. "Nicht allen kann man es immer recht machen", sagt sie. "Alte Leute sind gute Menschen, und das ist für uns alle die beste Motivation."

Matthias Bauerkamp mit Annemarie Schemenz im Caritas-Seniorenzentrum St. Konrad, Berlin-OberschöneweideMatthias Bauerkamp mit Annemarie Schemenz im Caritas-Seniorenzentrum St. Konrad, Berlin-OberschöneweideWalter Wetzler

Kraft und innere Stärke - auch das braucht es, erklärt Matthias Bauerkamp: "Die Altenpflege ist eine ganz eigene Melange", sagt er. "Einerseits bietet die Medizin immer neue Möglichkeiten. Andererseits begleiten wir die Menschen auf ihrem letzten Weg, mit allem was dazu gehört. Das Leben so wahrzunehmen, das prägt."
Wie intensiv diese Erfahrung sein kann, das spürt Eva-Maria Henze etwa in dem Moment, als Herr Z. verstirbt. Der ältere Herr hat ihr erlaubt, für den schulischen Teil der Pflegeausbildung eine Biografie-Arbeit über sein Leben zu verfassen. "Er hat mir alles erzählt, von sich und auch vom Krieg." Die beiden finden einen guten Draht zueinander, sind von Anfang an auf einer Wellenlänge.
"Wir sagen immer, so etwas wie einen Lieblingsbewohner, den gibt es nicht, weil wir jeden gleich behandeln und versuchen, die richtige Balance von Nähe und Distanz zu wahren. Trotzdem kommt es natürlich vor, dass man einen Menschen besonders in sein Herz schließt", sagt Eva-Maria Henze. Mattias Bauerkamp weiß ganz genau, was sie damit meint. "Diese Berührungen sind das, was unseren Beruf so wertvoll macht."

Im Internet:
blog.caritas-pflegeazubi.de
karriere.caritas-altenhilfe.de

Mit Zeit, Herz und Erfrischungstüchern

Eva-Maria BaranowskiEva-Maria BaranowskiWalter Wetzler

Die Erfrischungstücher mit Zitronenduft dürfen natürlich nie fehlen, genauso wenig wie die Brillenputztücher. Die hat sie in ihrer kleinen hellgelben Lederhandtasche jeden Dienstag dabei. "Ein freiwilliges Mitbringsel" nennt sie das. "Alles packen die Leute fürs Krankenhaus ein, nur das Brillenputztuch fehlt. Das finden die Kranken immer toll", erzählt Eva-Maria Baranowski und lächelt.
Vor 26 Jahren hat sich die pensionierte Schulleiterin für das Engagement beim Krankenbesuchsdienst entschieden. Ein Zeitungsbericht über anstehende Umstrukturierungen im Krankenhauswesen hat sie aufhorchen lassen: Von Minutenkontingenten für Behandlungen und Pflege war darin die Rede. Und dass nun Ehrenamtliche ausgebildet werden sollten, die Kranke besuchen, um sich mit ihnen zu unterhalten, um ihnen ein offenes Ohr zu schenken – all das, wofür dem Krankenhauspersonal künftig die Zeit fehlen würde. Unter dem Bericht war eine Annonce für solch einen Ausbildungskurs geschaltet. "Meldeste dich mal an", dachte sich die heute 84-Jährige.

„Geld zu verschenken haste nicht, aber Zeit”

"Du gehst bald in Pension - Geld zu verschenken haste nicht, aber Zeit", dieser Gedanke habe sie angetrieben, sagt Eva-Maria Baranowski und dass für diese Aufgabe die Motivation wichtig sei, darüber solle man vorher sorgfältig nachdenken. Das betont auch Renate Hansmann. Sie leitet den Besuchsdienst im Sankt Gertrauden-Krankenhaus, der vom Berliner Diözesanverband der Caritas-Konferenzen Deutschlands (CKD) getragen wird. Wer sich für das Ehrenamt interessiert, trifft sich zu einem ersten Gespräch mit ihr.

Renate HansmannRenate HansmannWalter Wetzler

Nicht immer würden Antrieb und Erwartungen passen, "doch wer sich auf den Ausbildungskurs einlässt, bleibt", zeigt Renate Hansmanns Erfahrung. Drei Tages- und zehn Abendveranstaltungen umfasst dieser verpflichtende Kurs, der beispielsweise vom Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) angeboten wird. Neben den Themen Krankheit, Leid und Alter, befassen sich die Teilnehmer mit rechtlichen Fragen und lernen, wie sie in ein Gespräch einsteigen können.

„Es ist jedes Mal eine Premiere”

Das Familienfoto auf dem Nachttisch oder einfach das Wetter können so ein Einstieg sein. Die Erfahrung haben auch die Mitglieder der Besuchsgruppe im Sankt Gertrauden-Krankenhaus gemacht. 15 Frauen und ein Mann sind es derzeit. Jeder besucht mindestens einmal wöchentlich seine ihm zugeteilte Station, geht in die Zimmer und setzt sich dort ans Bett, wo jemand dankbar für ein offenes Ohr ist. Nicht immer geht es in den Gesprächen um Krankheit und Sorgen, sondern auch um die neuesten Haarfrisuren oder Modetrends.

"Es ist jedes Mal eine Premiere", berichtet Eva-Maria Baranowski, das mache die Tätigkeit sehr interessant. Außerdem bekomme man das Echo. "Ich merke, die Menschen sind froh geworden, während ich bei ihnen war. Das Gesicht hat sich belebt. Das ist befriedigend." Sie teilt sich die Station mit einer anderen Ehrenamtlichen. "Der Austausch hinterher ist wichtig!" Das passiert aber nicht im Krankenhaus, sondern bei einer Tasse Kaffee beim Bäcker um die Ecke. Auf den räumlichen Abstand legt sie wert. Sensibel und humorvoll muss man für diesen Dienst sein, sagt die 84-Jährige. Und eine christliche Einstellung haben. Bevor sie auf Station geht, besucht sie die Krankenhauskapelle und betet für die Kranken. "Das erzähle ich denen aber nicht. Wenn einer zu mir sagt: ‚Beten sie mal für mich‘, sage ich denen immer: ‚Mache ich, Sie müssen aber auch selbst beten.‘"

Erfrischend für die Patienten ist vor allem das Plaudern mit den Besuchern, aber auch über ein Erfrischungstuch Erfrischend für die Patienten ist vor allem das Plaudern mit den Besuchern, aber auch über ein Erfrischungstuch freuen sich viele. Walter Wetzler

Doch die immer kürzeren Liegezeiten wirken sich auch auf die Besuche der Ehrenamtlichen aus. Vertrauen zu den Patienten aufzubauen ist nicht mehr so leicht. Früher wurden sie schon mal gebeten, einen Seelsorger oder Anwalt zu vermitteln, ohne dass die Angehörigen davon erfahren sollten. "Der Patient erzählte einem seine Geschichte". Für so etwas bleibe heutzutage keine Zeit. Und dennoch trifft Eva-Maria Baranowski immer wieder auf alte Bekannte. Gerade kommt sie von einem Mann, der bereits vor einem viertel Jahr im Sankt Gertrauden-Krankenhaus lag und sich bereits damals über das Erfrischungstuch und heute über das Wiedersehen freute.

Weitere Informationen
über den Ausbildungskurs für den Krankenbesuchsdienst vom KDFB gibt es unter Telefon 030 / 301 027 22 oder per Mail heike.neubrand@kdfb-berlin.de.

Kontakt

Elzbieta Stolarczyk
Caritas-Konferenzen Deutschlands Diözesanverband Berlin e.V.
Geschäftsführung
Telefon 030 / 6 66 33-1277 / -1278
E-Mail: e.stolarczyk@caritas-berlin.de

Ausgabe 2/2016: Bildungsgerechtigkeit

"Ideale sind wie Sterne"

Schulleiter Josef SouvageolSchulleiter Josef Souvageol zeichnet ein klares Bild seiner Schüler und deren LernvoraussetzungenChristian Soyke

Bildung ist alles: die Grundlage für Ausbildung und Beruf, ein gesichertes Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe. Aber ist sie auch gerecht? Für Josef Souvageol, Leiter der Grundschule Sankt Mauritius in Lichtenberg, und Hendrikje-Wenke Morawe, Sozialpädagogin an der Sankt-Franziskus-Schule in Schöneberg stellt sich diese Frage jeden Tag. An beiden katholischen Schulen wird Bildungsgerechtigkeit großgeschrieben. Sie ist ein Ideal, für das es sich zu kämpfen lohnt, sagen der Lehrer und die Schulsozialarbeiterin. Die Schulen könnten unterschiedlicher kaum sein: Sankt Mauritius im Berliner Osten ist mit 120 Kindern und zehn Lehrern eine "echte Zwergenschule", so Schulleiter Souvageol. An der Schöneberger Schule Sankt Franziskus hingegen werden jeden Tag mehr als 1000 Kinder und Jugendliche unterrichtet - von der ersten Klasse bis zum Abitur in Stufe 13. "Das verbindet", erklärt Schulsoziarbeiterin Morawe. "Identifikation schafft Zusammenhalt." So verschieden die Schulen sind: Beide haben nicht nur das christliche Wertefundament gemein, sondern auch eine zunehmend heterogene Schülerschaft. So lernen an der Lichtenberger Grundschule Kinder aus dem sozialen Brennpunkt-Kiez Frankfurter Allee Süd ebenso wie Kinder aus besser situierten Familien des Neubaugebiets Rummelsburger Bucht. "Unsere Schüler stammen aus allen Schichten, Milieus und Einkommensklassen", so Schulleiter Souvageol. "Das geht kreuz und quer." Ähnlich ist die Situation in Schöneberg: "Während die einen Eltern als Arzt, Anwalt, Politiker oder Schauspieler arbeiten, beziehen andere Familien Hartz IV", sagt Morawe. Hinzu kommt ein wachsender Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund. Insgesamt 19 Nationalitäten sind an der Sankt Franziskus-Schule vertreten. Faktoren wie die Herkunft, das Wohnumfeld oder auch das Einkommen und der Bildungsgrad der Eltern haben nach wie vor ungebrochenen Einfluss auf den Bildungserfolg. "Die Gefälle sind enorm", erklärt Schulleiter Souvageol. "Die Rede von der Chancengleichheit geht völlig an der Realität vorbei." Kein Schüler hat dieselben Voraussetzungen wie ein anderer, erklärt er, und es wäre "eine Katastrophe, wenn man alle gleich machen wollte". Gerade das Gegenteil ist nach Auffassung des Schulleiters gefragt: "Schule darf sich nicht als reine Lernfabrik verstehen, sondern muss jedem Einzelnen gerecht werden und ihn mit seinen individuellen Anlagen und Fähigkeiten bestmöglich fördern", sagt er. Die Frage der Bildungsgerechtigkeit betrifft nahezu alle Felder des Schulalltags, vom Unterricht bis zur Klassenfahrt, vom Schul- und Büchergeld über die intensive Elternarbeit bis zur engen Vernetzung mit anderen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, der im März eingerichteten Willkommensklasse für Flüchtlingskinder bis zur Kooperation mit dem Caritas-Projekt Kinderopernhaus Lichtenberg.

Eine Collage mit vielen HändenSchule muss alle fördernChristian Soyke

"Die Ideale der Bildungsgerechtigkeit sind wie Sterne", sagt er. "Man kann sie zwar nicht erreichen, aber man kann sich an ihnen orientieren." Besonders deutlich zeigt sich die Tragweite bei der Notenvergabe, betont Souvageol, der selbst Mathematik, Kunst und Sport unterrichtet: "Alle erwarten mit Recht, dass die Zensuren fair erteilt werden. Eine Drei kann aber ein sehr gutes Ergebnis widerspiegeln oder ein eher mäßiges", erklärt er, "je nachdem, unter welchen Umständen sie erreicht wird und wie viel Anstrengung, Fleiß und Mühe in ihr stecken." Ein Spannungsfeld, das der Schulleiter gern mit dem biblischen Gleichnis der Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16 EU) vergleicht, die sich einen gerechten Lohn erhoffen. "Jede Leistung verdient Anerkennung, jeder Schüler Wertschätzung", sagt er.

Soziale Ungleichheit lässt sich zwar niemals völlig kompensieren, sagt Hendrikje-Wenke Morawe. Aber man muss sie erkennen und mit ihr umgehen, "damit Kinder und Jugendliche so gefördert werden, dass sie unabhängig davon, welche Voraussetzungen sie mitbringen, eine gerechte Bildungschance erhalten", betont die Sozialpädagogin der Theophanu gGmbH, einem anerkannten Träger der freien Jugendhilfe und Mitglied beim Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V. Schon ein einfaches Wort der Ermutigung kann Berge versetzen, eine kurze Umarmung Wunder bewirken, sagt sie: "Ganz egal, ob ein Test vergeigt wurde, es Zoff auf dem Pausenhof gab oder daheim der Haussegen schief hängt." Damit allein ist es jedoch nur selten getan, denn die wahren Schwierigkeiten lassen sich nicht mal eben in der Pause aus der Welt schaffen. Umso mehr kommt es darauf an, "dass immer jemand da ist, dem sich die Schüler anvertrauen können - was auch immer los ist". Jemand, der zuhört und die Sorgen ernst nimmt, der Rat gibt und zwischen Schülern, Lehrern und Eltern vermittelt - jemand, der Kindern und Jugendlichen wie ein Anwalt zur Seite steht und ihnen hilft, Probleme anzugehen, die so unterschiedlich sein können, wie die Schüler selbst. Darüber hinaus ist die Präventionsarbeit ein Schlüssel für mehr Bildungsgerechtigkeit, sagt die Schulsozialarbeiterin: "Wichtig ist, dass Schüler nicht nur pauken, sondern auch lernen, Verantwortung zu übernehmen - für sich selbst und für andere." Dies gelingt nach ihren Erfahrungen vor allem dann, wenn sie sich aktiv einbringen und beteiligen können, beispielsweise als Streitschlichter. Oder auch als Medienscouts, die ihre Mitschüler für einen sicheren Internet- und Smartphone-Umgang sensibilisieren. Ein Schüler hilft dem anderen, gibt sein Wissen weiter und ist im Schulalltag Ansprechpartner für seine Mitschüler. Das Erleben von Zutrauen, Regeln, Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftssinn ist für alle wertvoll, ganz besonders aber für diejenigen, die solche Dinge sonst im außerschulischen Umfeld nicht in ausreichendem Maß erfahren.

Hendrikje-Wenke MoraweHendrikje-Wenke Morawe öffnet ihre Türe für alle, die ein offenes Ohr brauchenChristian Soyke

"Je mehr es gelingt, Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, und sie dementsprechend in ihrer sozialen und schulischen Entwicklung ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten, desto mehr wird gewonnen", so die Sozialpädagogin, "für den Einzelnen, die Bildungsgerechtigkeit und die ganze Gesellschaft." Sowohl für Schulleiter Souvageol von der Lichtenberger Sankt Mauritius-Grundschule als auch für Schulsozialarbeiterin Morawe von der Schöneberger Sankt Franziskus-Schule ist das Ideal der Bildungsgerechtigkeit eine Aufgabe, die oft schier unlösbar scheint, aber die dennoch jede Anstrengung wert ist. "Davon hängt viel ab", sagen sie. "Denn die Zukunft der Kinder ist unser aller Zukunft." 

 

Weitere Informationen zur Schulsozialarbeit der Theophanu gGmbH

Raus aus der Armutsfalle

Annette Schymalla leitet das Projekt MOBI BerlinAnnette Schymalla leitet das Projekt MOBI BerlinWalter Wetzler

Deutschland hat sie sich anders vorgestellt: "Nicht so kompliziert", sagt Silviya Hristova. Vor knapp einem Jahr macht sich die junge Mutter im bulgarischen Razgrad auf, um der Armut dort zu entfliehen und im fast 2000 Kilometer fernen Berlin ein besseres Leben zu suchen. Doch aus der großen Hoffnung, die sie mitbringt, wird pure Verzweiflung. Die mobile Beratungsstelle für Zuwandernde aus Südosteuropa MOBI.Berlin unterstützt sie nun mit ihrer Familie dabei, einen Teufelskreis von Schwierigkeiten zu durchbrechen. Als sie in Berlin ankommt, hat Silviya Hristova nicht viel mehr als einen Koffer. Weder die deutsche Sprache hat sie mit im Gepäck noch eine Ausbildung. Keine Wohnung, keine Arbeit - keine Perspektive. Aber sie hat ein Ziel vor Augen: All das soll sich ändern. Es muss sich ändern, zumal Tochter Fatme bei der kranken Großmutter in Bulgarien lebt und dort nicht auf Dauer bleiben kann.
Lebenspartner Mladen findet zwar rasch einen Job als Fahrer bei einem Getränkelieferanten. Trotzdem sind die beiden auf Hilfsbereitschaft angewiesen - auf Freunde und Bekannte, die Mitleid haben und sie für ein paar Tage aufnehmen. Oft müssen sie aber auch in Notunterkünften übernachten, manchmal schlafen sie im Görlitzer Park. "Eine schwierige Situation", sagt sich die 30-Jährige. Zugleich quälen sie die Gedanken an Fatme: "Was ist eine Mutter ohne ihr Kind, was ist ein Kind ohne seine Mutter?" Das fragt sie sich immer wieder. Jedoch scheint es ihr aussichtlos, die Tochter zu sich zu holen, solange keine feste Bleibe gefunden wird und für das Kind gesorgt werden kann. "Das Wichtigste ist doch ein Dach über dem Kopf", so die besorgte Mutter.

Klientin Silviya Hristova bekommt Unterstützung von MOBI BerlinKlientin Silviya Hristova bekommt Unterstützung von MOBI BerlinWalter Wetzler

Die Lage ist prekär und sie spitzt sich noch einmal zu, als sich ein zweites Kind ankündigt: Silviya Hristova ist schwanger - schwanger und obdachlos in einem fremden Land, einer fremden Stadt. Aus dem Traum vom besseren Leben wird ein Alptraum, aus dem Mut und der Zuversicht, die sie mitgebracht hat, werden Angst und pure Verzweiflung: "Was wird mit dem Baby?" Das ist die größte Sorge, als sich die Schwangere in ihrer Not an die Caritas-Beratungsstelle wendet.
Silviya Hristova braucht Hilfe, damit sie nicht im Formular-Dschungel von Bürokratie und Behörden verloren geht, sondern die Unterstützung erhält, auf die sie dringend angewiesen ist. Annette Schymalla, Leiterin von MOBI.Berlin, weiß, was zu tun ist: "Vor allem bei der Existenzsicherung und dem Krankenversicherungsschutz, der aufgrund der Schwangerschaft unverzichtbar ist, haben wir Frau Hristova unterstützt. Nach langem Hin und Her, Widerspruchsverfahren und mithilfe einer Fachanwältin für Sozialrecht haben wir es geschafft." Schließlich gelingt die Anmietung und Einrichtung einer kleinen Wohnung in Schöneberg. Der Partner verliert zunächst seinen Aushilfsjob, findet aber bald einen neuen. Die zweite Tochter erblickt das Licht der Welt: Sevgi ist gesund und munter, und das Paar heiratet. Auch schaffen sie es, die ältere Tochter Fatme zu sich nach Deutschland zu holen. Silviya Hristova ist überglücklich: "Endlich ist die Familie zusammen!" Schulplätze in Berlin sind rar, besonders in den Innenstadt-Bezirken. Trotzdem kann Fatme innerhalb von nur zwei Wochen eingeschult werden. Das Team von MOBI.Berlin begleitet diesen Prozess, die Vorsprache bei dem zuständigen Schulamt, die erstschulische Untersuchung und die Anmeldung in der Schule.
Die Eingewöhnung fällt dem achtjährigen Mädchen nicht leicht. Silviya Hristova muss manche Träne ihrer Tochter trocknen. Sie versucht sie immer wieder zu ermutigen. Mit Erfolg: Von Tag zu Tag geht Fatme mit mehr Begeisterung zur Schule. Sie lernt fleißig und der Kontakt mit den anderen Kindern tut ihr gut. "Schule, das ist Zukunft", sagt Silviya Hristova. "Ich bin so froh und stolz auf Fatme." Die Mutter schöpft Mut - für die Familie und für sich persönlich.

Annette Schymalla und Silviya HristovaAnnette Schymalla und Silviya HristovaWalter Wetzler

Mit der Unterstützung von MOBI.Berlin wachsen aus einer völlig aussichtslos empfundenen Lebenssituation nicht nur Träume, sondern auch Bildungsperspektiven. Noch verlangt die kleine Tochter die volle Fürsorge und Aufmerksamkeit von Silviya Hristova. So bald wie möglich möchte sie aber einen Deutschkurs besuchen und sich auch ohne Übersetzungshelfer verständigen können. Sie will versuchen, eine Arbeit als Reinigungskraft zu finden oder eine Ausbildung als Friseurin. Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg. Aber es ist ein guter Weg und Silviya Hristova muss ihn nicht ganz alleine gehen. Die seit kurzem von der EU geförderte Caritas-Beratungsstelle MOBI.Berlin wird ihr ein Wegweiser sein - ein Wegweiser der Hoffnung und Integration.

 

  

 

Kontakt:
Mobile Beratungsstelle MOBI.Berlin
Levetzowstraße 12 a
10555 Berlin
Tel. 030 / 922 51 614

Sprechzeit
Donnerstags 14 bis 17 Uhr

Zur gesamten Ausgabe der Berliner Sozialcourage

Junge Talente fördern

Stipendiatin Dora MüllerStipendiatin Dora MüllerLina Antje Gühne

Frau Müller, Sie sind Master-Studentin der Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Was war für Sie der Auslöser, sich für einen sozialen Beruf zu entscheiden? 

Das Bedürfnis, für andere Menschen da zu sein, hatte ich schon immer, seit meiner Kindheit. Das hat sich im Laufe meines Lebens ausgeweitet. Zum Beispiel habe ich Kinder betreut und behinderte Menschen begleitet. Aktuell begleite ich eine Familie einmal jährlich für ein bis zwei Wochen in den Urlaub. Das Kind hat das Rett-Syndrom, das ist sehr pflegeaufwendig. Ich bin da, damit die Eltern auch einmal abends essen gehen können oder einfach eine Nacht durchschlafen. Man merkt, wie und woran man arbeitet und dass es Sinn macht. Und Sinnhaftigkeit bei der Arbeit ist für mich das Wichtigste.

In ihrem Leben spielt soziales Engagement also eine große Rolle…

Ja, eine sehr große Rolle. Ich arbeite mindestens 15 Stunden die Woche ehrenamtlich. Dabei muss ich auch immer schauen, wie ich mich finanziere, damit ich die Miete am Ende des Monats zahlen kann.

Sind Sie deshalb auf das Stipendium der Caritas GemeinschaftsStiftung aufmerksam geworden?

Ja, das Thema Geld hat bei meiner Ausbildung schon immer eine Rolle gespielt. Eigentlich wollte ich Kindheitspädagogik in Freiburg studieren, aber das konnte ich mir nicht leisten. Auch mein ur-sprünglicher Wunsch, Kunsttherapie in Holland zu studieren, hat sich nicht erfüllt, weil es damals noch kein Bafög für nicht-deutschsprachige Länder gab. Jetzt studiere ich Heilpädagogik in Berlin und habe von dem Stipendium der Caritas GemeinschaftsStiftung durch einen Aushang in der Uni erfahren. Das Stipendium war offen für alle Studiengänge der sozialen Richtung. Durch die 300 Euro im Monat, die ich durch das Stipendium bekomme, habe ich mehr Zeit für mein Ehrenamt.

Welchen familiären Hintergrund haben Sie?

Ich habe drei Geschwister, meine Eltern leben getrennt seit ich zwei Jahre alt bin und ich habe meist bei meinem Vater gewohnt, meine Geschwister meistens bei meiner Mutter, wir sind immer hin und her gewechselt. Alles ein bisschen chaotisch und kompliziert und bis heute nicht einfach. Ich bin die Einzige aus der Familie, die studiert. Deshalb fehlte es mir etwas an Erfahrung, dass ein Studium Spaß machen kann und dass es dazu gehört, sich auszuprobieren.

Wie hilft Ihnen das Stipendium dabei?

Ich kann mir die Zeit selbst einteilen und muss neben dem Studium weniger jobben, ich kann meinen Interessen, Fähigkeiten und Neigungen nachgehen. Und ich möchte auch mal Kinder, aber im Moment kümmere ich mich noch um so viele andere Kinder, hier und auch im Ausland. Eine Familie zu gründen, das hat noch ein bisschen Zeit.

 

Das Gespräch führte Lina Antje Gühne.

Weitere Informationen zum Stipendium der Caritas GemeinschaftsStiftung

Ausgabe 1/2016: Flüchtlinge integrieren

Die Welt zu Haus am Küchentisch

Ulrike Meier: Fremde werden Freunde

Ulrike Meier Für Ulrike Meier sind Pragmatismus und persönliches Kennenlernen das A und O der FlüchtlingshilfeChristian Soyke

"Ein Problem ist deine Chance dein Bestes zu geben." Für Ulrike Meier hat dieser Satz der Jazzlegende Duke Ellington einen besonderen Stellenwert. Normalerweise gibt die Unternehmensberaterin ihr Bestes für Konzerne und eröffnet ihnen neue Chancen. Als sich in Berlin die Flüchtlingsnot zuspitzt, setzt Ulrike Meier ihre Fähigkeiten anders ein. Bis zu acht syrische Geflüchtete nimmt sie über Nacht in der eigenen Wohnung auf.

"Welchen Beitrag kann ich persönlich leisten?", fragt sie sich und entschließt sich zu einer mehrmonatigen beruflichen Auszeit. Ulrike Meier engagiert sich beim Aufbau einer Flüchtlingsnotunterkunft und ruft den Verein "Freedomus - Hilfe für Flüchtlinge mitten in Berlin" ins Leben. Viel wichtiger als Kuscheltiere oder Kleidersammlungen ist die Zeit für eine Begegnung mit Geflüchteten, findet die Mutter von drei Kindern. "Fremde können Freunde werden", sagt sie. "Das ist die beste Hilfe."

Ausnahmesituationen erfordern schnelle und praktische Lösungen, so Meier. In ihrem Fall kann das bedeuten, dass das heimische Büro und die Kinderzimmer zur Flüchtlingsherberge umfunktioniert werden, Ulrike Meier abends doch noch in den Supermarkt springt, um das Nötigste zu besorgen, und ihr Mann mit den Kindern Betten für Menschen aus Syrien baut. Zu einer Kissenschlacht kommt es aber nur selten. "Wenn wir Unterschlupf geben, dann ist das oft sehr kurzfristig." Die Flüchtlinge, die bei den Meiers unterkommen, sind zumeist Angehörige, Freunde oder Bekannte von Geflüchteten, zu denen bereits ein Kontakt besteht. Oft treffen sie erst spät abends in Berlin ein, "so dass die Kinder nur wenig davon mitbekommen". Die Unterbringung ist keine Dauerlösung, sondern ein Notbehelf für eine Nacht. "Irgendwann wird es eng", sagt Ulrike Meier. "Dann finden wir einen anderen Weg."

Pfarrer Thomas Pfeifroth: "Jammern, das kann’s nicht sein"

Pfarrer Thomas PfeifrothPfarrer Thomas Pfeifroth packte schlicht der TatendrangChristian Soyke

"Mitleid allein hilft nicht. Nur zu jammern, das kann‘s nicht sein", sagt Thomas Pfeifroth. Der Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Bruder Klaus in Berlin-Britz hat im Besprechungsraum der Pfarrei einer aus dem Iran geflohene Christin Zuflucht geboten.

"Es ist so unbefriedigend, die Nachrichten zu schauen und nichts zu machen", sagt Pfarrer Pfeifroth. Nach dem Appell von Papst Franziskus, dass jede Kirchengemeinde Flüchtlinge aufnehmen soll, fasst er einen Entschluss: "Wir müssen wohl zusammenrücken", sagt er zu seiner Pfarrsekretärin Katharina Mücke. "Das kriegen wir hin", ermutigt sie ihn. Wenig später zieht Ghazaleh Bayati in ein Arbeitszimmer der Pfarrei. Die 33-jährige Iranerin ist zum Christentum konvertiert, wird deshalb in ihrer Heimat verfolgt. "Sie kann nicht mehr zurück", weiß Pfarrer Pfeifroth. "Das wäre ihr Todesurteil."
Dass die Geflüchtete gläubig ist, erleichtert manches: Sie wird der Gemeinde vorgestellt und betet mit in der Messe. "Die Religion ist ein guter, gemeinsamer Nenner", so der Pfarrer, "aber nicht entscheidend, wenn es darum geht, einem Menschen in Not zu helfen".. Die gemeinsame Religion kann aber nicht alle Schwierigkeiten in Luft auflösen, so Pfeifroth: "Die Verständigung ist oft nur mit Händen und Füßen möglich." Die größte Sorge ist jedoch eine andere: Aufgrund von Renovierungsarbeiten braucht die Geflüchtete dringend eine neue Bleibe. "Wir haben lange mit Frau Bayati gesucht und gezittert, bevor wir in einer anderen katholischen Kirchengemeinde fündig geworden sind", berichtet der Pfarrer.

Gabriele Pollert: "Aufgeben gilt nicht"

Familie Pollert und Familie Mohammadi"Aufgeben gilt nicht", sagen Gabriele und Georg PollertWalter Wetzler

"Wir können nicht die ganze Welt retten, aber doch eine Menge bewegen", sagt Gabriele Pollert. Gemeinsam mit ihrem Mann Georg Pollert hat sie zunächst einen afghanischen Flüchtling aufgenommen. Inzwischen kümmert sich das Ehepaar aus Frohnau um eine ganze Familie.

Alles fängt damit an, dass die Pollerts durch einen Kontakt über die Caritas Nabi Mohammadi kennenlernen. Der 28-Jährige hat als Designer und Dolmetscher für die deutschen Truppen in Afghanistan gearbeitet. Weil er in den Augen der Taliban ein Verräter ist, muss er fliehen. "Außer seiner Kleidung hatte er nichts mehr nach seiner Flucht", sagt Gabriele Pollert.

Gabriele Pollert im InterviewGabriele Pollert sieht die Dankbarkeit der aufgenommenen Familie als beste Bestärkung für das eigene TunWalter Wetzler

Als Nabi in die private Gästewohnung einzieht, kümmern sich die Pollerts um ihn. Sie lernen mit ihm Deutsch, nehmen ihn mit zu Bekannten. Vor allem aber kämpfen sie sich mit ihm durch einen Dschungel von Behörden, vom Ausländeramt, Sozialamt bis Arbeitsamt. "Die größte Hürde ist nicht die Sprache und die Begleitung", sagt Gabriele Pollert, "sondern die Bürokratie". "Immer am Ball bleiben, Formulare ausfüllen und Druck machen", sagt Georg Pollert. "Das bringt viel voran, kostet aber auch Zeit und Nerven." Ein Einsatz, der nicht zu unterschätzen ist, zumal die Pollerts nach einiger Zeit nicht mehr allein Nabi helfen, sondern auch dessen Freund sowie seinem Schwager plus Frau und einjährigem Kind. Die Familie wohnt anfangs im Flüchtlingsheim, kommt aber immer häufiger zu den Pollerts, um der Enge zu entfliehen und ein bisschen Freiheit zu erhaschen.
Das, was die Pollerts auf sich nehmen, wird ihnen fast zu viel. Für Hobbys bleibt so gut wie keine Zeit. "Zum Bücherlesen komme ich gar nicht mehr", erzählt Gabriele Pollert. "Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich mehr für die Flüchtlinge aktiv bin als für meine berufliche Arbeit."
Besonders schwierig ist die Suche nach einer eigenen Wohnung für die Geflüchteten. Von der Unterbringung in einer Gartenlaube bis zur dramareifen Auseinandersetzung mit einem Vermieter, der die Notlage von Flüchtlingen nur ausbeuten will - die Pollerts müssen mit ihren Schützlingen einiges durchstehen, bevor sie etwas Passendes finden. Nabi versucht nun, seine Frau und seine Kinder aus Afghanistan nachzuholen - drei weitere Geflüchtete, um die sich das Ehepaar sorgen möchte. Dann sind es insgesamt acht. "Einfach wird das nicht", sagt Gabriele Pollert. "Aber aufgeben gilt nicht."

Martin Patzelt: "Jeder tut was er kann und steckt den anderen an"

"Die Flüchtlingskrise lässt sich nur lösen, wenn sich Bürger engagieren", da ist sich Martin Patzelt sicher. Der brandenburgische Bundestagsabgeordnete hat deshalb öffentlich dazu aufgerufen, Geflüchtete zu Hause aufzunehmen. Seit Sommer wohnt der Politiker selbst mit zwei Asylbewerbern aus Eritrea unter einem Dach. "Das Zusammenleben ist ein Gewinn an Lebensqualität", sagt er. Nach einem Gottesdienst gehen die jungen Afrikaner auf den Politiker zu. Sie schildern ihre missliche Lage, bitten um Hilfe. Den Entschluss, den 19-jährigen Haben und den 24-jährigen Awet zu sich zu nehmen, fasst Martin Patzelt gemeinsam mit seiner Frau. "Der Fremde, der in unser Leben tritt, ist nicht nur eine Last und Aufgabe, sondern auch eine Bereicherung", so der Politiker. Bei allem, was die Aufnahme von Geflüchteten abverlangt, so Patzelt, ist die Frage der Toleranz eine ganz entscheidende: "Schaffe ich es aus meinem Schneckenhaus herauszutreten und den anderen so anzunehmen wie er ist?" Erst wenn es gelingt, Verschiedenheiten auszuhalten, so Patzelt, besteht kein Grund zu der Sorge, dass die positiven Seiten übersehen werden könnten.

Das Ehepaar PatzeltDas Ehepaar Patzelt genießt die afrikanischen Einflüsse auf das alltägliche LebenChristian Soyke

Niemand in seiner Familie muss noch auf Abenteuerreise gehen, betont er mit einem Augenzwinkern. "Die Welt ist jetzt bei uns zu Hause am Küchentisch."
Integration lässt sich weder per Gesetz verordnen noch über Handbücher vermitteln, so der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt an der Oder. "Der Staat allein schafft das nicht. Deshalb sind die Bürger gefordert", ist Patzelt überzeugt. "Jeder tut was er kann und steckt den anderen an", lautet seine Devise. "Das aktive Miterleben einer Kultur bietet eine ganz andere Chance", sagt er.
Eine Chance, die genutzt wird. Kaum länger als ein halbes Jahr leben die jungen Männer aus Eritrea jetzt bei den Patzelts im brandenburgischen Dörfchen Briesen. Sie packen im Gemeindezentrum mit an und helfen im Kaufladen. Die Exoten im Dorf - das sind die beiden nicht mehr, sagt Martin Patzelt fast ein bisschen stolz. "Sie gehören zur Dorfgemeinschaft."



 

Gemeinsam statt einsam

Sie sind auf sich gestellt, haben Mutter und Vater verloren oder wurden von ihrer Familie allein nach Europa geschickt - in der Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit: Zehntausende der Flüchtlinge, die in Deutschland Zuflucht suchen, sind unbegleitete Minderjährige, die den Schutz der Kinder- und Jugendhilfe benötigen. Das Haus Conradshöhe im Berliner Norden setzt dabei auf ein besonderes Konzept und nimmt junge Neuankömmlinge ganz bewusst in bereits bestehende Wohngruppen auf. "Das ist der beste Weg der Integration", sagt der Leiter und Geschäftsführer der Einrichtung, Peter Wilks.

'Lukas' beim PuzzelnMitte: Der junge Geflüchtete möchte hier "Lukas" genannt werden, nach seinem Vorbild Lukas PodolskiChristian Soyke

Am Abend mit Mutter und Vater über das Beglückende oder Erdrückende des Tages sprechen - das ist für die Jungen und Mädchen in Conradshöhe nicht selbstverständlich. Vor allem nicht für diejenigen, die aus Syrien kommen, wo noch immer Krieg und Terror herrschen. Bis heute verhindern Raketenbeschuss in ihrer Heimat oder Stromausfälle häufig die Kontaktaufnahme zu den dort verbliebenen Angehörigen, ob per Handy oder Internet.

Schlepperbanden, Irrfahrten in überladenen Booten auf hoher See, illegale Menschentransporte, nächtelange Fußmärsche, Gewalt und Angst - das bestimmte über Wochen und Monate den Alltag der jungen Menschen. Sie haben das durchgemacht, was man aus den Nachrichten kennt, berichtet die Pädagogin Gabriela Safaei. "Viele haben den Krieg hautnah miterlebt und eine lebensgefährliche Flucht hinter sich." Das Haus Conradshöhe, eine Gesellschaft des Sozialdienstes katholischer Frauen Gesamtvereins e. V., unterstützt die zumeist zwölf- bis 18-Jährigen nun beim Start in ein neues Leben.

'Lukas' hält ein Persisch-Deutsch-Wörterbuch in die KameraBesser als jedes Wörterbuch: Andere Jugendliche, gleiches SchicksalChristian Soyke

Ein Leben, das anders ist als das bisherige und nicht immer den Vorstellungen und Träumen der Kinder und Jugendlichen entspricht. Die Mädchen und Jungen sind mit einer enormen Umstellung konfrontiert: Sie müssen nicht nur eine fremde Sprache lernen, sondern eine ganze Kultur, betont Safaei: "Wer vor Krieg und Chaos geflohen ist und sich allein nach Europa durchgeschlagen hat, braucht eine Zeit, sich an das Miteinander in einer Gemeinschaft zu gewöhnen." Integration gelingt vor allem dann, "wenn viele verschiedene Komponenten stimmig ineinander greifen", sagt Einrichtungsleiter Wilks. Für jedes Kind in Conradshöhe gibt es deshalb eine zugeschnittene Betreuung von Pädagogen und Psychologen. Darüber hinaus kann Integration aber auch ganz beiläufig passieren: Etwa, wenn die Wohngruppe "Vogelwarte" die Köpfe über dem Tisch im Gemeinschaftsraum zusammensteckt und sich an einem anspruchsvollen Puzzle-Bild mit eintausend Teilen versucht.

Niemand in Conradshöhe muss alleine puzzeln. Das ist der große Vorteil des idealtypischen Integrationskonzepts: Mit den anderen Kindern und Jugendlichen kochen, Sport treiben oder Musik hören - all das hilft den jungen Flüchtlingen dabei, sich zurechtzufinden: "Sie lernen nicht nur viel besser Deutsch, sondern auch die Regeln, die in unserer Gesellschaft wichtig sind, wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Eigenverantwortung, Mitspracherecht und Beteiligung", erklärt Wilks. "Dadurch fühlen sie sich schneller angenommen und angekommen", so der Psychologe. Die Jugend der Flüchtlinge, sie ist eine Chance. Erfahrungsgemäß kommunizieren Kinder und Jugendliche "direkter und unkomplizierter als Erwachsene", sagt Pädagogin Safaei: "Sie gehen selbstverständlicher miteinander um." Sprachliche und kulturelle Barrieren können somit leichter überwunden werden, betont sie: "Die Kinder nehmen sich einen Ball und dann spielen sie."

'Lukas' beim Deutschlernen"Lukas" überwindet sprachliche Barrieren immer besserChristian Soyke

Ein Kontakt, der nicht nur für die Flüchtlinge förderlich ist: Die deutschen Kinder und Jugendlichen, die in der Einrichtung wohnen, profitieren ebenfalls von dem Zusammenleben. Auch sie können nicht zu Hause bei den Eltern sein und jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Das verbindet und schweißt zusammen. Nicht selten wachsen echte Freundschaften: "Alle unterstützen sich gegenseitig", so Pädagogin Safaei, "weil sie spüren, wie gut es tut, Verantwortung zu übernehmen und einander zu helfen." Gemeinsam statt einsam - das hat im Haus Conradshöhe nicht nur beim Puzzeln einen hohen Stellenwert. Für das Gelingen von Integration ist dieses maßgebliche "Puzzle-Teil" wohl nur förderlich, wenn nicht entscheidend.

Kontakt:
Kinder- und Jugendhilfezentrum
Haus Conradshöhe
Eichelhäherstraße 19
13505 Berlin
Telefon: 030 / 438 00 50
www.haus-conradshoehe.de
verwaltung@haus-conradshoehe.de

Halt bekommen, Halt geben

Susan WashingtonAttraktiv, tough und gläubig: Susan WashingtonWalter Wetzler

Zwischen den umher wuselnden Kindern ist die Welt für einen kurzen Moment in Ordnung. Da bleibt keine Zeit für Gedanken daran, wie es weitergehen soll, für Trauer um die geliebte Freundin, Heimweh oder Todesängste. Seit September vergangenen Jahres arbeitet Susan Washington ehrenamtlich in der katholischen Kindertagesstätte St. Robert in Berlin-Wedding. Zweimal in der Woche spielt und tobt die gelernte Erzieherin einen halben Tag lang mit den Kleinen. Mit ihrem Ehrenamt möchte sie der Gesellschaft etwas zurückgeben: "Ich habe als Flüchtling so viel von Deutschland bekommen", sagt sie. Außerdem helfe das viele Arbeiten vom Nachdenken abzulenken. Kurz kommen ihr die Tränen.

Susan Washington: dunkler Teint, kurze Haare, zartes Make-Up, elegantes blaues Sommerkleid. "Ja, ich bin wirklich 49 Jahre alt", betont sie und dass ihr das hier einfach keiner glauben wolle, auch auf dem Amt sei das schwierig gewesen. Was jeder anderen Frau schmeicheln würde, empfindet die attraktive Kenianerin als Belastung. "Wie soll ich es beweisen? Ich habe doch keine Papiere mehr."

In Kenia gehörte Susan zur gehobenen Gesellschaft. Sie verkehrte in Regierungskreisen, war mit einem Politiker liiert. So wie ihre Freundin. Die wurde nach einem Streit mit ihrem Partner eines Morgens tot aufgefunden. Susan wird zu verstehen gegeben, dass auch ihr Leben bedroht sei und sie lieber das Land verlassen solle. "Ein Mann hat mich nach Deutschland gebracht und mir dann die Papiere abgenommen." So landete sie orientierungslos auf den Straßen Berlins und schließlich in einer Flüchtlingsunterkunft in der Turmstraße. Später kam sie nach Eisenhüttenstadt, dann nach Garzau-Garzin.

Während eines Deutschkurses lernt die Kenianerin Katja Eichhorn kennen, die für den Berliner Caritasverband das Referat Ehrenamt leitet. Susan erzählt ihr von ihrer pädagogischen Ausbildung und dass sie gern etwas tun würde, auch wenn sie kein Geld dafür bekomme. Reguläres Arbeiten ist wegen des Aufenthaltsstatus als Flüchtling nicht möglich, selbst die ehrenamtliche Tätigkeit muss zunächst von der Ausländerbehörde genehmigt und in Susans Flüchtlingspass vermerkt werden.

Die Kinder der Kita St. Robert In der Kita St. Robert wird das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen hochgehaltenWalter Wetzler

Halt im fremden Land findet Susan vor allem in ihrem Glauben. So oft es geht, besucht sie in Berlin eine Kirche und stößt dort auf hilfsbereite Menschen. Damit sie einen kürzeren Weg zur Kita St. Robert hat, nimmt ein Gemeindemitglied sie bei ihm auf. Doch der ältere Herr bekommt deshalb Probleme mit seinem Vermieter. Eine Frau aus der Gemeinde bietet ihr eine neue Bleibe an. Susan ist dankbar für die Hilfe, die sie erfährt - aber auch geschockt von den alltäglichen Schikanen.

Irgendwann möchte Susan wieder zurück in ihre Heimat. Über einen realistischen Zeitpunkt nachdenken und Zukunftspläne zu schmieden packt sie im Moment noch nicht. Sie ist zu beschäftigt, sich durch den Alltag zu kämpfen und mit ihrer Geschichte fertig zu werden. Der Mann, vor dem sie aus Afrika geflohen ist, sei vor einiger Zeit in der Kita aufgetaucht. Sie war geschockt: "Ich habe ihn gefragt, ob er gekommen sei, um mich zu töten?" Er habe verneint und ihr gesagt, sie solle nach Kenia zurückkommen. Noch traut sie sich nicht, auch wenn mittlerweile eine andere Regierung an der Macht ist. "Hier in Deutschland fühle ich mich sicherer", sagt sie. Wobei ihr die Begegnung gezeigt habe: Man findet sie überall, nirgends ist sie wirklich sicher. Susan Washington hofft und vertraut einzig auf Gott.

Kontakt:
Caritas Familien- und Jugendhilfe GGmbH
Kita St. Robert
Hochstädter Str. 14
13347 Berlin
Telefon: 030 / 455 11 30
st.robert@cfj-caritas-berlin.de

Zur Website der Kita St. Robert