Erzbistum Berlin

Sozialcourage - das Magazin für Ehrenamtliche

Die Sozialcourage ist das Caritas-Magazin für soziales Handeln und richtet sich an ehrenamtliche Mitarbeiter(innen) und sozial engagierte Menschen.

Reportagen, Interviews, Geschichten aus der Arbeit nah an den Menschen: Wir wollen Lust aufs Ehrenamt und soziale Themen machen. Die Sozialcourage erscheint vier Mal im Jahr und besteht aus einem Mantelteil, in dem Artikel aus dem gesamten Bundesgebiet zu lesen sind. Zusätzlich gibt es sechs Seiten, die für jede Region in Deutschland gestaltet werden. Hier lesen Sie Artikel aus dem Erzbistum Berlin mit Themen und Geschichten aus Berlin, Brandenburg und Vorpommern.

Ausgabe 2/2017

Schwerpunkt

Schwangerschaft mit besonderen Herausforderungen

Schwerpunktthema für die Ausgabe 2/2017 ist "Schwangerschaft mit besonderen Herausforderungen". Wir haben uns bzw. die Schwangerenberatungsstelle Lydia gefragt, wie sie Frauen helfen, die ein Kind mit Behinderung erwarten.

Saida Al Hamadi mit Anke Fricke / Walter Wetzler

Sozialcourage

"Wenn mein Sorgeneimer voll ist, kann ich den hier ausschütten"

In der Schwangerenberatungsstelle Lydia in Berlin-Neukölln finden Mütter in Not- und Konfliktsituationen und Familien Trost und praktische Hilfe. mehr

Claudia Weißgrab und Birgit Reinhold / Walter Wetzler

Sozialcourage

Zurück zur Intuition: Das Familienzentrum Michendorf

Das neue Familienzentrum in Michendorf existiert erst seit Januar, es ist das erste Familienzentrum der Caritas in Brandenburg. Trotzdem ist es bereits jetzt ein Hotspot für Michendorfer Familien. Claudia Weißgrab, Koordinatorin, und ihre Kollegin Birgit Reinhold erklären, warum mehr

Gabriele Pollert im Portrait / Walter Wetzler

Sozialcourage

Familienunternehmerin im Auftrag der Nächstenliebe

Gabriele Pollert brachte vor zehn Jahren die Sozialarbeit an katholische Schulen im Erzbistum. Zu verdanken ist das vor allem einem guten Aktienkurs und dem Tatendrang der 61-Jährigen. Der von ihr gegründete Kinder- und Jugendhilfeträger „Theophanu gGmbH“ kann mittlerweile eine beachtliche Bilanz vorweisen. mehr

Ausgabe 1/2017: Ehrenamt und Ehrenamtskoordination

Aufblühen im Ehrenamt

Katja Eichhorn im Portrait Kreativ und einfühlsam berät und vermittelt Katja Eichhorn FreiwilligeWalter Wetzler

Kleiderspenden sortieren, Geflüchtete bei Behördengängen begleiten, Kindern vorlesen oder Schwerstkranken die Hand halten - Möglichkeiten, Zeit und Talent zu spenden, gibt es viele. "Ehrenamt muss Spaß machen", sagt Katja Eichhorn. "Der eine hört gerne zu, der andere packt lieber an. Da geht es dann in einem persönlichen Gespräch darum, eine geeignete Einsatzstelle zu finden." Etwa 100 dieser Gespräche führt sie im Jahr. Vieles laufe mittlerweile auch telefonisch oder per Mail. Einige haben bereits eine feste Vorstellung von dem, was sie gern tun möchten, andere brauchen Orientierung im Freiwilligen­dschungel. Und dann gibt es auch immer wieder die Situation, dass vor Katja Eichhorn jemand sitzt, der sich unbedingt in einem bestimmten Bereich engagieren möchte, die Ehrenamtskoordinatorin dessen Auswahl aber für unglücklich hält. Dann gilt es mit viel Fingerspitzengefühl ein anderes Einsatzgebiet schmackhaft zu machen. "Ich denke da zum Beispiel an die Dame, deren Ehemann vor vier Wochen verstorben ist und die sich nun in der Hospizarbeit engagieren möchte", erzählt Katja Eichhorn. Der Witwe musste sie deutlich machen, dass sie selbst erst ihre Trauer verarbeiten müsse, bevor sie Sterbenden eine Stütze sein könne. Katja Eichhorn vermittelt innerhalb der Caritasfamilie - auch Fachverbände, Caritas-Gesellschaften und Kirchengemeinden gehören zu den Einsatzstellen für Ehrenamtliche. Durch den ständigen Austausch mit den Einrichtungen weiß sie, wo Freiwillige gebraucht werden. Für die Hauptamtlichen dort ist sie Ansprechpartnerin zu Fragen rund um Anforderungen und Qualitätsstandards: Wie läuft das beispielsweise mit dem Versicherungsschutz und welche Qualifizierungen müssen angeboten werden? Wer sich bei der Caritas freiwillig engagiert, ist unfall- und haftpflichtversichert. Neben Ausbildungskursen vor einem Einsatz und fachlichen Anleitungen vor Ort, gehören auch kostenlose Fortbildungen zum Angebot.

Das Team des Hard Rock Cafe Berlin beim GärtnernHarken für den guten Zweck: Immer wieder berichten Unternehmen, wie gewinnbringend der "Social Day" für sie warWalter Wetzler

Dass für und mit den Ehrenamtlichen eine Anerkennungskultur gelebt wird, ist Katja Eichhorn wichtig. Dazu zählt sie nicht nur die Qualifizierungsangebote, sondern auch und vor allem Aktionen wie das jährlich stattfindende Ehrenamtsfest, zu dem stellvertretend für die vielen Tausend freiwillig Tätigen etwa 350 Leute eingeladen werden. "Hin und wieder verschenken wir auch Freikarten für Konzerte und als besondere Auszeichnung verleihen wir eine Ehrennadel", ergänzt Katja Eichhorn. "Wir haben somit eigentlich für jedes Alter eine Form der Anerkennung."

Der durchschnittliche Ehrenamtliche ist schwer zu beschreiben. Von jung bis alt, von Hartz IV-Empfänger bis Akademiker sei alles dabei. Etwas mehr Frauen als Männer würden sich engagieren, aber das sei nicht signifikant.

Nachwuchssorgen macht sich Katja Eichhorn nicht, aber sie sieht neue Herausforderungen auf sich zukommen. "Die Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, müssen flexibler werden." Es gebe viele junge Menschen, die sich sozial einbringen möchten, aber nicht in dem zeitlichen Ausmaß wie frühere Generationen. "Das ist völlig okay, aber darauf müssen wir reagieren." In der Konsequenz könnte das heißen, dass künftig in der Suppenküche nicht wie derzeit 15, sondern dann 30 Ehrenamtliche eingesetzt werden. "Mehr Ehrenamt erfordert mehr Koordination. Dafür müssen dann Ressourcen, also im besten Fall hauptamtliche Stellen, geschaffen werden", sagt Katja Eichhorn.

Einige flexiblere Formate gibt es bereits. Youngcaritas richtet sich vor allem an junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren. An sogenannten Social Days können Unternehmen mit ihren Mitarbeitern in sozialen Einrichtungen an einem Tag Gutes tun - beispielsweise den Garten einer Kita neu gestalten oder gemeinsam mit Senioren Kekse backen. Bei diesen Unternehmenskooperationen schaut Katja Eichhorn, was die Firmen wollen und welche Bedarfe auf der Seite der Einrichtungen sind. "Das Unternehmen und die Einsatzmöglichkeit sollen zueinander passen und mir ist auch wichtig darauf zu achten, dass die Einrichtung etwas davon hat."

Eine Ehrenamtliche beim Schaufeln Danke für die Blumen: Ehrenamtliche sind das Sahnehäubchen der CaritasWalter Wetzler

Insgesamt beobachtet Katja Eichhorn eine zunehmende Internationalisierung. Das liegt ihrer Ansicht nach nicht nur an der hohen Anzahl Geflüchteter, für die sich enorm viele Menschen engagieren und die sich auch selbst mit ihrem Engagement einbringen möchten. "Nach Berlin kommen zahlreiche Menschen aus dem Ausland, um zu studieren oder zu arbeiten. Viele von ihnen suchen ein Ehrenamt." Nicht alle von denen sprechen deutsch, was neue Herausforderungen bei der Suche nach einer geeigneten Einsatzstelle bedeutet. "Natürlich kann sich der Freiwillige im Seniorenheim mit der alten Dame auch mit Händen und Füßen unterhalten, aber es stellt erst einmal eine Hürde dar, mit der umgegangen werden muss", gibt Katja Eichhorn zu bedenken.

Für die Ehrenamtlichen bietet ihr Engagement nicht nur die Möglichkeit, dem Nächsten etwas Gutes tun zu können, sondern auch für sich selbst neue Fähigkeiten zu entdecken und neue soziale Bezüge zu finden. Auch die Caritas profitiere auf ganz besondere Weise von den Ehrenamtlichen, sagt Katja Eichhorn: "Sie halten uns in Bewegung, stellen Sachen in Frage, haben neue Ideen und einen frischen Blick auf den Verband - sie sind das Sahnehäubchen der Caritas."

Text: Christina Bustorf

Weitere Informationen zum Ehrenamt beim Caritasverband für das Erzbistum Berlin

Meine Heimat, deine Heimat: Nachbarschaft verbindet

Ein Ehrenamtlicher gibt DeutschunterrichtJeden Vormittag bringt der Deutschkurs alte und neue Schöneicher zusammenWalter Wetzler

"Bei uns wohnen viele Familien mit Kindern, aber auch viele allein stehende junge Männer aus Afrika und dem Iran", sagt Ivo Kodal, Leiter der Caritas-Unterkunft für Geflüchtete in Schöneiche über seine Schützlinge. Im Oktober 2016 sind die ersten Bewohner in das ehemalige Bildungshaus des Erzbistums Berlin "St. Konrad" eingezogen. Inzwischen sind weitere Neuankömmlinge dazu gestoßen, insgesamt wohnen jetzt 76 Menschen in der Unterkunft. In enger und guter Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung, dem Schöneicher Bündnis für Demokratie und Toleranz und größtenteils finanziert vom Erzbistum Berlin, wurde das Haus umgebaut und eingerichtet. Die Geflüchteten stehen nun nicht nur vor der Herausforderung, die deutsche Sprache zu lernen. Bürgeramt, Sozialamt und Ausländerbehörde wollen alle bürokratischen Fragen klären und benötigen eine Fülle an Informationen und Unterlagen. Um die neue Sprache zu erlernen, findet jeden Tag um 10 Uhr im Haus ein Deutschkurs statt, der von Freiwilligen organisiert und angeboten wird. "Die Bedeutung ehrenamtlichen Engagements ist enorm", sagt Ivo Kodal. "Es braucht einfach Menschen, die sich Zeit nehmen, um zu helfen und für die Geflüchteten da zu sein". Neben der Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen funktioniere Integration am besten über gemeinsame Freizeitaktivitäten. Es werde eng mit dem Schöneicher Bündnis für Demokratie und

Zwei Kinder spielen KickerGroße und Kleine in "St. Konrad": Die Kinder sind zwischen vier und 17 Jahren altWalter Wetzler

Toleranz zusammen gearbeitet, die sich ehrenamtlich stark im Ort einbringen und schon viel für ein gutes Gemeinschaftsgefühl in der Nachbarschaft bewirkt haben. So findet jeden Dienstag das "Café International" in der örtlichen "Kulturgießerei" statt. Hier geht es sowohl um konkrete Hilfe für Geflüchtete, als auch darum, "zwischen den Schöneichern, die hier leben, sei es seit Jahrzehnten oder zehn Wochen, Verbindungen zu schaffen und Bande zu knüpfen" - so der Text auf der Website des Café International. Gemeint sind damit Gesellschaftsspiele, Kaffee und Kuchen. Das Caritas-Team aus "St. Konrad" ist hier regelmäßig dabei. Für die Unterkunft wünsche sich Ivo Kodal ebenfalls ein regelmäßiges Treffen für bereits aktive Ehrenamtliche und Interessierte, um Angebote und Unterstützung auszubauen. Zum Beispiel, um stärker auf Kinderbetreuung zu setzen. Ein erster, wichtiger Grundstein ist bereits gelegt:

Ein junger Bewohner im Portrait Im Haus gibt es viele Ideen für gemeinsame ProjekteWalter Wetzler

Jeden Mittwochabend kommen Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft vorbei, um mit den rund 20 Kindern des Hauses zu spielen, zu basteln und einfach Zeit zusammen zu verbringen. "Es wäre schön, wenn sich auch Erwachsene für die Kinderbetreuung bei uns engagieren würden - oder je nach persönlichem Interesse für andere Freizeitaktivitäten". Das Caritas-Team, aber auch die Bewohner und Ehrenamtlichen hätten viele Ideen, die im Laufe des Frühjahrs umgesetzt werden können: Von der Koch-AG über eine offene Fahrradwerkstatt bis hin zu Fußball ist alles denkbar. "Hauptsache ist, dass sich eine neue Gemeinschaft aus alten und neuen Nachbarn bildet, die sich gegenseitig unterstützt", so Kodal. Denn nicht jeder, der in Schöneiche Zuflucht gefunden hat, kann seine Erinnerungen an die Flucht, Ängste oder traumatische Erlebnisse hinter sich lassen und allein ein neues Leben beginnen. "Wer psychosoziale Betreuung und Beratung benötigt, darauf haben wir im Team ein Auge", sagt Kodal. Es werde auf jeden individuell eingegangen. Zum Caritas-Team gehören auch zwei erfahrene Sozialarbeiterinnen, die den Bewohnern zur Seite stehen.

Mitmachen

Wenn Sie sich ehrenamtlich engagieren möchten, Fragen haben oder einfach auf einen Kaffee im Caritas-Haus "St. Konrad" vorbeischauen möchten, erreichen Sie Ivo Kodal und seine Kolleginnen von Montag bis Freitag unter:
i.kodal@caritas-brandenburg.de
Telefon 030 / 652 18 98 10

Caritas als Arbeitgeber: "Wir wollen Transparenz leben"

Ulrike Kostka: Barmherzigkeit ist coolUlrike Kostka ist seit 2012 Caritasdirektorin Walter Wetzler

Unser Thema ist die Zukunft der Arbeit bei der Caritas. Wann kommen die ersten Pflegeroboter?

Ich hoffe, die Caritas schafft sie nie an, außer wenn es um technische Unterstützungssysteme geht, um Pflegebedürftige aus dem Bett zu heben. Aber ich wünsche mir kein Pflege-Tamagochi, das dann eine Pflegekraft ersetzt.

Also müssen Sie weiterhin auf Mitarbeitende aus Fleisch und Blut setzen. Nur wir sprechen von einem umkämpften Markt. Wie kommt die Caritas an gute Arbeitskräfte?

Wir sind schon vergleichbar mit anderen Pflegeheimen, aber wir wollen für gute Arbeit auch gutes Geld zahlen. Die Caritas hat bundesweit einen sehr hohen Tarif, der im Vergleich zu vielen anderen Anbietern zum Teil 20 Prozent darüber liegt. Wir erleben, dass die Leute auch wegen der Bezahlung gerne bei uns bleiben. Wer vernünftig zahlt, hat beim Fachkräftemangel einen Fachkräftevorteil. Die Leute können sich auf ihren Lohn verlassen und sind nicht darauf angewiesen, wie der Chef gerade die wirtschaftliche Situation des Pflegedienstes einschätzt.

Also wird auf dem Pflegemarkt auch viel gemauschelt?

Es gibt im Pflegesektor viele Anbieter, die mit Dumpinglöhnen arbeiten und wir sind der Auffassung, dass alle Pflegeanbieter ihre Lohnjournale offen legen müssen, damit das, was sie von den Kostenträgern bekommen, auch an die Mitarbeitenden weiter geht. Wir wollen absolute Transparenz leben, bei uns kann jeder sehen, was die Leute verdienen. Wir veröffentlichen unsere Jahresabschlüsse. Wir sind gemeinnützig, wir machen die soziale Arbeit der Kirche. Das ist mein Credo. Wir sind für die Gesellschaft da, wir sind ein kirchlicher Dienst, also soll auch jeder reingucken können. Zum Beispiel habe ich, als ich vor fünf Jahren kam, sofort mein Gehalt ins Internet gestellt.

Und das reicht?

Nein, wir arbeiten auch daran, dass sich die finanziellen Rahmenbedingungen des Pflegesektors insgesamt verbessern. Wir sind politisch sehr aktiv und arbeiten enorm dafür, dass Pflege mehr Anerkennung bekommt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass gerade kirchliche Anbieter die Leute besonders ausbeuten, weil sie unter einem christlichen Deckmäntelchen moralischen Druck aufbauen können. Vor lauter Liebe und Barmherzigkeit kann die Schwester Maria oder der Pfleger Martin auch mal länger auf Station bleiben, um zum Beispiel noch die Adventsfeier mit vorzubereiten. Für Gotteslohn sozusagen.

Unsere Arbeit ist kein 9-to-5-Job. Wer bei der Caritas arbeitet, der muss auch bereit sein, einfach mal über das normale Maß hinaus zu arbeiten. Aber das darf nicht die Regel werden. Deswegen brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen. Deswegen dürfen wir nicht an diesem Ideal der Ordensschwester, die 24 Stunden verfügbar war und sich manchmal selbst ausgebeutet hat, festhalten. Das ist nicht das Bild der Pflege von heute. Und wir dürfen keine Präambel-Theologie machen, nur den frommen Schein wahren, sondern wir müssen immer wieder gucken, was heißt christliche Atmosphäre?

Zu guter Letzt braucht es aber auch Kundschaft. Ist die Caritas ein gefragter Anbieter auf dem Sozial- und Pflegemarkt?

Unsere katholischen Krankenhäuser sind sehr beliebt bei Geburten oder bei der Begleitung von jungen Paaren und Frauen in dieser Situation. Dies war schon in der DDR so. Und ganz wichtig, unsere katholischen Krankenhäuser betreuen viele Menschen, die nicht versichert sind, wohnungslose Menschen, oder EU-Bürger ohne Versicherungskarte. Die Caritas macht so manches, was sich nicht rechnet. Insgesamt erlebe ich schon, dass sich die Caritas einer hohen Beliebtheit auch bei vielen Menschen erfreut, die nicht getauft sind. Wir haben ein stationäres Hospiz und da sind 90 Prozent der Gäste Nicht-Christen. Die Menschen haben das Gefühl, zum Geborenwerden und zum Sterben gehe ich zur Kirche.

Ausgabe 4/2016: Armut und Befähigung

Sozialarbeit am Herd

Kindermittagstisch 1Gemeinsam kochen und essen – das zeichnet das Berliner Jugendzentrum Magda aus.Angela Kröll

Getrockneter Asia-Snack und Toastbrot zählten zu den Grundnahrungsmitteln von Svenja Daß‘ Schützlingen. Die Leiterin des Caritas-Jugendzentrums "Magda" verzieht noch immer das Gesicht, wenn sie an die Anfänge denkt. Mittlerweile kommen Salat und selbstgemachte Spaghetti Bolognese auf den Tisch. Ein offener Raum mit Küchenzeile, ein paar Bürotüren gegenüber, in einer hinteren Ecke Computer, in der Mitte ein großer Tisch mit Stühlen: Hier wird gekocht, gegessen, geredet - Gemeinschaft erlebt und Christsein gelebt. Im Holzhaus in der Lichtenberger Gotlindestraße 38 bietet die Caritas Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft eine Anlaufstelle nach der Schule. Statt alleine vor der Glotze zu sitzen, erleben sie hier Gemeinschaft - gemeinsames Essen inklusive. "Vielen fällt es unheimlich schwer sitzenzubleiben, bis der Letzte aufgegessen hat", berichtet Svenja Daß. "Unsere Jugendlichen sind es gewohnt, dass zuhause jeder allein vor dem Computer isst."

„Die Kinder hatten einfach Hunger” 

In Berlin-Lichtenberg lebt jedes dritte Kind von Hartz IV. So ist der Kindermittagstisch der Caritas zunächst ein wesentliches und niedrigschwelliges Angebot, das aus einem einfachen Grund entstanden ist: "Wir haben gemerkt: Die Kinder hatten einfach Hunger", erzählt Svenja Daß vom Beginn im Jahr 2005. "Die Eltern haben ihre Kinder in der Schule nicht zum Essen angemeldet, weil sie es sich nicht leisten können. Teilweise aber auch, weil es ihnen egal ist."

Kindermittagstisch 3Beim Schnippeln und Schnacken: Svenja Daß hat einen guten Draht zu den Kindern im Jugendzentrum Magda.Angela Kröll

Was im "Magda" auf den Tisch kommt, entscheiden die Jugendlichen selbst. Natürlich stehen Klassiker wie Pizza, Spaghetti und Lasagne ganz oben auf der Hitliste. Doch auch im Internet lassen sich die Jungen und Mädchen mittlerweile gern zu Ausgefallenerem inspirieren. Auch einen gesunden Salat planen sie selbstverständlich mit ein. "Dann wird diskutiert, ob mit Rucola oder Feta." Svenja Daß erzählt, wie sie anfangs mit ihren Kollegen spielerisch Lebensmittelkunde betrieben haben, beispielsweise mit "Gemüse-Memory". "Tomate, Gurke und Apfel kannten unsere Jugendlichen. Dann hörte es schon auf. Champignons kamen für sie aus der Dose."

Gesund muss nicht unlecker sein

Nicht nur gekocht, sondern auch eingekauft wird im "Magda" selbst. "Wir gehen extra in den Discounter, den die Jugendlichen von zuhause kennen. So lernen sie, wie sie auch zuhause für ihre Familien ein günstiges und gesundes Essen kochen können. Die einen kaufen ein, die anderen schnibbeln und wieder andere räumen hinterher auf. Das Mittagessen ist Teamwork. Wer mitisst, muss auch mithelfen. Und das Handy hat nichts am Esstisch zu suchen. Wieder so eine Regel, die den Jugendlichen nicht immer leicht fällt, einzuhalten, weiß Svenja Daß. Das gemeinsame Kochen steht für mehr als eine gesunde, warme Mahlzeit. Es bietet einen entspannten Rahmen für die Sozialarbeiter, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, von ihren Anliegen und Sorgen zu erfahren. "Am Tisch tauschen sie sich viel untereinander aus", erzählt Svenja Daß. "Auch der Weg zum Einkaufen lässt sich gut für ein Gespräch nutzen."

Kindermittagstisch 2Lecker und im besten Fall noch gesund. So soll das Essen im Jugendzentrum Magda sein.Angela Kröll

Nach dem Essen unterstützen Svenja Daß und ihre Kollegen bei Hausaufgaben, Bewerbungen oder der Vorbereitung einer Präsentation. Auch bei der Suche nach Praktika sind die Betreuer gern behilflich. Immer wieder äußere auch ein Jugendlicher den Wunsch, Koch zu werden. So wie Matthias*. Heute habe er keine Lust mitzukochen. "Aber wenn ich dann ein richtiger Koch bin, gebe ich euch meine Rezepte", verspricht er Svenja Daß und schlendert Richtung Computerecke. Gekocht wird mittlerweile nicht nur im "Magda". "Ein Mal in der Woche gehen wir an eine Schule und kochen dort mit den Kindern", berichtet Svenja Daß. Und auch das Catering für die Kinderoper hatten die "Magda"-Köche zuletzt übernommen. An diesem Dienstagnachmittag geht es ein wenig wuseliger zu. Die Gruppe der Koch- und Esswilligen ist größer als sonst. Seit einiger Zeit kommen auch Geflüchtete zu Besuch ins "Magda". Einige von ihnen haben heute das Kochzepter übernommen. "Vormittags waren sie bereits in Neukölln Fleisch einkaufen, das halal ist. So etwas bekommt man in Lichtenberg nicht", sagt Svenja Daß.

Kindermittagstisch 4Selber kochen macht Spaß.Angela Kröll

Heißer Dampf wabert über dem Herd. Der Duft von orientalischen Gewürzen zieht bereits durch den offenen Raum - Kardamom, Kümmel, Koriander. So läuft die Warenkunde nebenbei. "Seitdem die Geflüchteten auch mit uns kochen, kennt jeder unserer Jugendlichen eine Zucchini."
Geflüchtete zu Besuch im Jugendzentrum? Das "Magda"-Team war sich anfangs nicht sicher, wie die Jugendlichen reagieren würden. Deren Familien würden häufig mit der AfD und einer rechten Gesinnung sympathisieren, weiß Svenja Daß. "Wir haben viel mit ihnen geredet und ihnen klar gemacht, dass es von der Person und nicht der Nationalität abhänge, ob jemand doof ist oder nicht." Es hat funktioniert. Sie kochen nun alle gemeinsam, sitzen später um den großen Tisch und warten bis der Letzte aufgegessen hat.

*Name geändert

Weitere Infos zum Caritas-Jugendzentrum "Magda"

Hier können Sie den Kindermittagstisch mit Ihrer Spende unterstützen

Enge Grenzen aufgeben und neue Räume ermöglichen

Eine Gruppe diskutiert

Eingeladen haben die Projektstelle "Caritas rund um den Kirchturm", der Caritasverband für das Erzbistum Berlin, sowie das Erzbischöfliche Ordinariat. "Caritas ist einfach nicht so in den Köpfen", hat Rita Kampe in ihrem Alltag festgestellt. Sie arbeitet bei der Allgemeinen Sozialberatung Mitte und ist mit zehn Wochenstunden zusätzlich für das Projekt "Caritas rund um den Kirchturm" tätig. Ihr Wirkungsfeld ist das rund um St. Paulus, dem ersten pastoralen Raum des Erzbistums Berlin. So erfährt sie hautnah, wo es im Prozess vorwärts geht und wo es hakt. Sich kennenlernen, sich Gedanken machen, wie die Fähigkeiten des anderen genutzt werden können - auch auf Caritas-Seite müsse ein Umdenken stattfinden, räumt Rita Kampe ein. Wie "Kirche mitten unter den Menschen" funktionieren kann, dafür sollte der Fachtag in der KHSB Impulse und Praxisbeispiele geben. So hofften Rita Kampe und die übrigen rund 70 Teilnehmer auf neue Denkanstöße. Die bekamen sie unter anderem von Professor Stefan Bestmann, Dozent an der KHSB. Sich selbst zurücknehmen, abwarten und sich mit seiner Kompetenz zur Verfügung stellen entspreche nicht dem verbreiteten Wirkungsverständnis von Caritas-Mitarbeitenden. Doch gerade das sollten sie tun, sagte Professor Bestmann. Denn nicht der Experte ändere, sondern der Mensch selbst, wenn er erkenne, dass es ihm als besser erscheine. Die Aufgabe von Caritas und Pastoral sei das Ermöglichen. Mit einem Zitat von Papst Franziskus untermauerte Bestmann seinen Standpunkt: "Wenn man von sozialen Problemen spricht, ist es eine Sache, sich zusammenzusetzen, um das Problem der Droge in einem armseligen Haus zu studieren. Eine andere Sache ist es, dorthin zu gehen, dort zu leben, das Problem von innen zu sehen und es zu studieren."

Dr. Martin SchneiderDr. Martin Schneider sprach von "Containerräumen"Angela Kröll

Dr. Martin Schneider von der Ludwig-Maximilians-Universität München beleuchtete in seinem Vortrag vor allem das Raumverständnis. Er sprach von "Containerräumen", die in der Soziologie als abgeschlossene, statische Räume verstanden werden und von sogenannten "relationalen Räumen" als Beziehungsräume. Mit seiner Forderung, die "Container" zu verlassen, zielte er darauf, das Denken von engen Grenzen aufzugeben. Caritas müsse sich politischen Auseinandersetzungen und Fragen stellen, strukturelle Fragen im Blick haben und sich als Caritas in politische Kämpfe mit einbringen, betonte Schneider.
Mit Blick auf die Praxis fragte Caritas-Direktorin Ulrike Kostka ins Plenum, wie sich "tüfteln" und "Chaos zulassen" in den Arbeitsalltag integrieren ließen. Professor Bestmann verwies auf Forschungsabteilungen großer Unternehmen, die Freiräume lassen und so die normale Arbeit nicht beeinträchtigen.
Noch mehr Beispiele aus der Praxis konnten die Teilnehmer in verschiedenen Workshops kennenlernen.

Zwei Workshop-Teilnehmer notieren Ihre IdeenIn den Workshops wurden Ideen gleich festgehaltenAngela Kröll

Das Fazit der Veranstaltung brachten zwei Teilnehmer des Schlussplenums auf den Punkt. "Es braucht viel Zeit, um Sozialraumorientierung umzusetzen und den anderen Blickwinkel, sich zurücklehnen zu müssen, zu beobachten, zu sehen, was los ist, zu unterstützen", resümierte die Sozialarbeiterin vom Sozialdienst katholischer Frauen, Andrea Keil. Christian Thomes, beim Berliner Caritasverband verantwortlich für Gesundheits- und Sozialpolitik, betonte: "Wir sind Unterstützer und Ermöglicher von Räumen, wir sind nicht die Container." Die Resonanz der Fachtag-Besucher war überwiegend positiv. Es gab aber auch kritische Stimmen. So wurde bemängelt, dass bisher die Freiräume fehlen würden und es ein Umdenken auf Leitungsebene des Erzbistums brauche, um Ressourcen und Mittel frei zu geben. Pater Albert Krottenthaler SDB aus Marzahn haben die Vorträge "fast erschlagen". Nun gelte es zu sondieren. "Im Detail weiß ich noch nicht, was das für die Praxis bewirkt." Er nehme viel Energie mit, weiterzumachen auf der Entdeckungsreise. "Es tut gut, voneinander zu hören und zu unterstützen."
Und auch Rita Kampe geht gestärkt in ihren pastoralen Raum zurück: "Es hilft zu erkennen: Wir können das gemeinsam schaffen."

Zum Projekt "Caritas rund um den Kirchturm" 

Gute Aussichten in Anklam

Roswitha HeitmannRoswitha Heitmann ist Optimistin durch und durchWalter Wetzler

Roswitha Heitmann hat strahlend blaue Augen, sie sprüht vor Energie. Seit 1993 arbeitet die 51-jährige bei der Caritas in Anklam, ihr Startpunkt lag in der Familienhilfe, wo sie bis heute aktiv ist. Seit zwei Jahren koordiniert sie zusätzlich das Arbeitsprojekt auf einem Hof mit zwei Holzwerkstätten. Heitmann steht für Überblick. Den können ihre "Schützlinge" gut gebrauchen. Im Rahmen einer Bildungsmaßnahme des Jobcenters  werden Menschen ohne Beschäftigung fit für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gemacht. So bauen sie zum Beispiel gemeinsam Hochsitze für die Försterei. Heitmanns Team besteht aus sechs Mitgliedern. Es wird gehämmert, gekocht, gepflanzt und genäht. Im Kern geht es darum, den zwanzig Teilnehmern soziale Kompetenzen zu vermitteln. "Viele haben längst jede Tagesstruktur und soziale Kontakte aufgegeben", erzählt Heitmann. Morgens um acht Uhr schon hier zu sein, ist für die meisten schon eine echte Herausforderung. Die Altersspanne reicht von 19 Jahren bis zu 60 Jahren, doch alle haben eins gemeinsam: "Unsere Leute müssen neu lernen, sich in eine Gruppe einzufügen und auch mal etwas anzusprechen." Damit jeder seine Stimmung beschreiben kann, hängt ein so genanntes Smiley-Barometer über dem Tisch: In zehn Stufen wechselt der Pappsmiley von enttäuscht über neutral bis hin zu zufrieden. "Das hilft den meisten, in sich hineinzuhören und konkret zu benennen, wie es ihnen geht." Sechs Monate dauert die Maßnahme, so die gelernte Erzieherin. Diese Zeit vergeht schnell. Es braucht echten Willen, etwas zu verändern, um einen neuen Weg einzuschlagen. Diesen Willen haben Roswitha Heitmann und ihr Team auf alle Fälle. Man spürt: Heitmann hat Biss und bleibt dran. "Diejenigen, die morgens Alkohol im Blut haben, dürfen erst mit der Arbeit beginnen, wenn sie wieder nüchtern sind. Aber wir bemühen uns um jeden Einzelnen, es ist ein ständiges Motivieren zum Weitermachen."

In der Holzwerkstatt findet so mancher zu sich selbst zurückIn der Holzwerkstatt findet so mancher zu sich selbst zurückWalter Wetzler

Zusätzlich zum üblichen Tagesablauf begleiten Roswitha Heitmann und ihr Team auch zu Arzt- und Zahnarztbesuchen und helfen Drogen- und Alkoholabhängigen, sich ihrer Sucht zu stellen und sich von Profis helfen zu lassen. Woher Heitmann persönlich die Kraft dazu nehme? Es sind die Erfolgsgeschichten ehemaliger Klienten, die sie antreiben. "Wir bekommen auch eine Menge Dankbarkeit und Wertschätzung zurück", sagt sie. Manuela Schwesig wollte sich das auch einmal ansehen. Die Familienministerin kam Anfang September auf den Anklamer Schülerberg, so die Adresse des Projekts, und blieb deutlich länger als geplant. In der Holzwerkstatt sprach sie angeregt mit Klienten. Die Förderung erwerbsloser Menschen überzeugte sie. Ob und wie sich der Besuch auf die Zukunft des Caritas-Arbeitsprojekts auswirkt, bleibt abzuwarten. Neue Pläne haben Roswitha Heitmann und ihr Team aber schon jetzt: "Ab Januar 2017 wollen wir zehn zusätzliche Plätze einrichten, um dann 28 Menschen zu betreuen. Momentan sind wir deshalb fieberhaft auf der Suche nach neuen Außenstandorten und Kooperationspartnern", so die Projektkoordinatorin.
Der Blick zurück auf die Geschichte des Projekts zeigt, dass man eine Menge erreichen kann, wenn man mutige Ziele und einen langen Atem hat. So wie Alexander Liebisch, den in seiner Studienzeit die Leidenschaft für das Thema Arbeit gepackt hat, weil er darin ein wichtiges Grundbedürfnis für den Menschen sieht. Der heutige Leiter der Caritas-Arbeitsprojekte setzte seine Idee zum Projekt ab 2009 in die Tat um und baute sie für drei Standorte - zwei in Pasewalk, einer in Anklam - auf. "Es war damals unser Anliegen, eine Bildung für Erwerbslose zu organisieren, die sie auch annehmen würden."

Selber bauen und Gärtnern statt Frontalunterricht für Arbeitslose - das Erfolgsrezept der CaritasSelber bauen und Gärtnern statt Frontalunterricht für Arbeitslose - das Erfolgsrezept der CaritasWalter Wetzler

Maßgeblich neu war der Ansatz, jeden individuell nach seinen Möglichkeiten zu fördern. Liebisch erklärt, dass die Lieblingsformel der Behörden für Erwerbslose bis zu diesem Zeitpunkt aber "Klassenzimmer plus Lehrer für alle" lautete. Es folgte deshalb ein monatelanger Streit mit dem TÜV um die offizielle Anerkennung. Nur so würde das Jobcenter mit dieser neuen Maßnahme arbeiten und Klienten an die Caritas vermitteln können. "Das war eine schwere Zeit", so Liebisch. Schließlich kam der Zuschlag und der TÜV zertifizierte das Arbeitsprojekt nach und nach für alle drei Standorte. Seitdem besteht ein guter Draht zur öffentlichen Verwaltung und den ansässigen Jobcentern. Liebisch sieht aber noch größere Baustellen. Es seien bundesweit mindestens 500.000 Jobs nötig, die neu geschaffen werden müssten für Leute, die nicht mehr vermittelbar für den ersten Arbeitsmarkt seien. Es fehle ein öffentlich geförderter Beschäftigungssektor, damit Arbeitslose neue Perspektiven finden statt krank zu werden. "Das haben wir Frau Schwesig auch mit auf den Weg gegeben." Seine Motivation sei es immer gewesen, Menschen am Rand nicht abzuschreiben, sagt Liebisch. Hinsehen, wo der Schuh drückt und die Not der Menschen ernst nehmen. Im Caritas-Arbeitsprojekt zeichnen sich für Langzeitarbeitslose oder entmutigte Jugendliche neue Perspektiven am Horizont ab. Bekanntlich sieht man vom Hochsitz aus noch viel weiter.

Weitere Informationen zum Arbeitsprojekt

Ausgabe 3/2016: Pflege

„Definitiv gut fürs Karma”

Auszubildenden in der Altenpflege geht vieles durch den Kopf, und manches geht ihnen auch besonders nah. Die Pflege-Azubis Eva-Maria Henze und Matthias Bauerkamp von der Caritas-Altenhilfe Berlin geben als Internet-Blogger Einblicke in das, was sie bewegt. Der Austausch untereinander hilft, sagen die beiden. Mit ihren Blog-Beiträgen wollen sie im Netz Interesse für die Altenpflege wecken und jungen Menschen jenseits von Klischees ein authentisches Bild von ihrem Beruf vermitteln.

Bloggt für die Altenpflege: Matthias BauerkampBloggt für die Altenpflege: Matthias BauerkampWalter Wetzler

"Hi Leute, wie Ihr sicher über die Medien mitbekommen habt, hat die WHO den ersten globalen Diabetes-Report veröffentlicht. Mir waren viele Details überhaupt nicht bewusst, zum Beispiel die Zahl der Erkrankten - 422 Millionen weltweit", tippt Matthias Bauerkamp in sein Smartphone und wählt dafür den Reiter Brisantes.
"Mir ist es jetzt nach anderthalb Jahren passiert. Herr Z., mein Lieblingsbewohner ist verstorben", postet Eva-Maria Henze in der Rubrik Nachgedacht: "Er war ein so toller Mensch! Egal, wie schlecht mein Tag auch lief, Herr Z. schaffte es immer, ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. Dabei soll das ja eigentlich andersherum sein. Wir haben viel zusammen gelacht und auch geweint."
Die Themen des Blogs sind so vielfältig, wie das, was die Pflege-Azubis beschäftigt. So bietet die Plattform, die seit Frühjahr online ist und Caritas-Azubis in ganz Deutschland vernetzen will, auch Platz für Rubriken wie "gepflegter Humor", "gepflegte Kunst" oder einen Bereich "kritisch und politisch".
Eva-Maria Henze und Matthias Bauerkamp gehören zum Blogger-Team der ersten Stunde, das die Website entwickelt hat und mit Inhalten füttert. Dabei ist der Weg der beiden zur Altenpflege längst nicht so klar vorgezeichnet gewesen, wie man es vermuten könnte, wenn man ihre engagierten Pflege-Posts des Internet-Blogs verfolgt.
Ursprünglich kommt er vom Theater, verrät Matthias Bauerkamp, Auszubildender im Caritas Seniorenzentrum St. Konrad in Berlin-Oberschöneweide. Der Biesdorfer steht zunächst als Schauspieler auf der Bühne, führt Regie, inszeniert Aufführungen und kann sich bis heute vor allem für Shakespeare und spätere Brecht-Lyrik begeistern. Später studiert der heute 32-Jährige Theologie, spielt sogar einmal mit dem Gedanken, ins Pfarramt zu gehen.

Eva-Maria Henze mit Bewohner Günther Krüger im Caritas-Seniorenzentrum St. Elisabeth in VeltenEva-Maria Henze mit Bewohner Günther Krüger im Caritas-Seniorenzentrum St. Elisabeth in VeltenWalter Wetzler

Eva-Maria Henze arbeitet als Bürokauffrau bei einer Versicherung, für Logistik-Firmen und in einem Unternehmen der Windkraftanlagen-Branche. Die Oranienburgerin wird früh Mutter und studiert zwei Semester Wirtschaftsinformatik, bevor sie die Ausbildung zur Altenpflegerin im Veltener Caritas Seniorenzentrum St. Elisabeth beginnt. So unterschiedlich der Werdegang: Beide Azubi-Blogger kommen aus ganz ähnlichen Beweggründen mit dem Thema Altenpflege näher in Berührung. "Als meine Oma nach einem Schlaganfall nicht mehr richtig sprechen konnte, wollte ich begreifen, was ihr passiert ist und wie ich ihr besser helfen kann", erinnert sich Eva-Maria Henze.
Beim Durchforsten der Zeitung und Sichten des Stellenmarkts fallen ihr die vielen offenen Ausschreibungen auf. "Altenpflege ist definitiv Zukunft und definitiv ein bisschen was fürs Karma", sagt sie. "Also habe ich mich gefragt: Kannst Du das? Ist das vielleicht was für mich?"
Als die eigene Großmutter pflegebedürftig wird, verändert das auch Matthias Bauerkamps Blick auf die alternde Gesellschaft. Ihm wird immer klarer: "Ich möchte nicht nur über den demografischen Wandel reden, sondern selbst Verantwortung übernehmen und etwas Sinnvolles tun, das gebraucht wird." Die Altenpflege ist "ein Bereich, der sich wahnsinnig entwickelt", so der 32-Jährige.
Der wichtigste Punkt ist für beide Azubi-Blogger die soziale Komponente: "Wir sind sehr nah an den Menschen dran, die wir begleiten, und ich habe oft das Gefühl, Gutes zu tun", sagt Matthias Bauerkamp. "Man hat einen ganz anderen Kontakt als zum Beispiel im Alltag eines Büro-Jobs", sagt Eva-Maria Henze: "Man baut schon nach kurzer Zeit eine enge Bindung auf, weil die Menschen, die uns brauchen, uns sehr viel anvertrauen und man auch einen Teil von sich selbst preisgibt."
Respekt, Elan und gute Laune - das sind die Eigenschaften, die ein Pflege-Azubi auf jeden Fall mitbringen sollte. "Die Menschen brauchen Aufmunterung, natürlich auch dann, wenn man selbst vielleicht einen gebrauchten Tag erwischt hat oder zu Hause normalerweise eher ein Morgenmuffel ist", sagt Eva-Maria Henze. "Nicht allen kann man es immer recht machen", sagt sie. "Alte Leute sind gute Menschen, und das ist für uns alle die beste Motivation."

Matthias Bauerkamp mit Annemarie Schemenz im Caritas-Seniorenzentrum St. Konrad, Berlin-OberschöneweideMatthias Bauerkamp mit Annemarie Schemenz im Caritas-Seniorenzentrum St. Konrad, Berlin-OberschöneweideWalter Wetzler

Kraft und innere Stärke - auch das braucht es, erklärt Matthias Bauerkamp: "Die Altenpflege ist eine ganz eigene Melange", sagt er. "Einerseits bietet die Medizin immer neue Möglichkeiten. Andererseits begleiten wir die Menschen auf ihrem letzten Weg, mit allem was dazu gehört. Das Leben so wahrzunehmen, das prägt."
Wie intensiv diese Erfahrung sein kann, das spürt Eva-Maria Henze etwa in dem Moment, als Herr Z. verstirbt. Der ältere Herr hat ihr erlaubt, für den schulischen Teil der Pflegeausbildung eine Biografie-Arbeit über sein Leben zu verfassen. "Er hat mir alles erzählt, von sich und auch vom Krieg." Die beiden finden einen guten Draht zueinander, sind von Anfang an auf einer Wellenlänge.
"Wir sagen immer, so etwas wie einen Lieblingsbewohner, den gibt es nicht, weil wir jeden gleich behandeln und versuchen, die richtige Balance von Nähe und Distanz zu wahren. Trotzdem kommt es natürlich vor, dass man einen Menschen besonders in sein Herz schließt", sagt Eva-Maria Henze. Mattias Bauerkamp weiß ganz genau, was sie damit meint. "Diese Berührungen sind das, was unseren Beruf so wertvoll macht."

Im Internet:
blog.caritas-pflegeazubi.de
karriere.caritas-altenhilfe.de

Mit Zeit, Herz und Erfrischungstüchern

Eva-Maria BaranowskiEva-Maria BaranowskiWalter Wetzler

Die Erfrischungstücher mit Zitronenduft dürfen natürlich nie fehlen, genauso wenig wie die Brillenputztücher. Die hat sie in ihrer kleinen hellgelben Lederhandtasche jeden Dienstag dabei. "Ein freiwilliges Mitbringsel" nennt sie das. "Alles packen die Leute fürs Krankenhaus ein, nur das Brillenputztuch fehlt. Das finden die Kranken immer toll", erzählt Eva-Maria Baranowski und lächelt.
Vor 26 Jahren hat sich die pensionierte Schulleiterin für das Engagement beim Krankenbesuchsdienst entschieden. Ein Zeitungsbericht über anstehende Umstrukturierungen im Krankenhauswesen hat sie aufhorchen lassen: Von Minutenkontingenten für Behandlungen und Pflege war darin die Rede. Und dass nun Ehrenamtliche ausgebildet werden sollten, die Kranke besuchen, um sich mit ihnen zu unterhalten, um ihnen ein offenes Ohr zu schenken – all das, wofür dem Krankenhauspersonal künftig die Zeit fehlen würde. Unter dem Bericht war eine Annonce für solch einen Ausbildungskurs geschaltet. "Meldeste dich mal an", dachte sich die heute 84-Jährige.

„Geld zu verschenken haste nicht, aber Zeit”

"Du gehst bald in Pension - Geld zu verschenken haste nicht, aber Zeit", dieser Gedanke habe sie angetrieben, sagt Eva-Maria Baranowski und dass für diese Aufgabe die Motivation wichtig sei, darüber solle man vorher sorgfältig nachdenken. Das betont auch Renate Hansmann. Sie leitet den Besuchsdienst im Sankt Gertrauden-Krankenhaus, der vom Berliner Diözesanverband der Caritas-Konferenzen Deutschlands (CKD) getragen wird. Wer sich für das Ehrenamt interessiert, trifft sich zu einem ersten Gespräch mit ihr.

Renate HansmannRenate HansmannWalter Wetzler

Nicht immer würden Antrieb und Erwartungen passen, "doch wer sich auf den Ausbildungskurs einlässt, bleibt", zeigt Renate Hansmanns Erfahrung. Drei Tages- und zehn Abendveranstaltungen umfasst dieser verpflichtende Kurs, der beispielsweise vom Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) angeboten wird. Neben den Themen Krankheit, Leid und Alter, befassen sich die Teilnehmer mit rechtlichen Fragen und lernen, wie sie in ein Gespräch einsteigen können.

„Es ist jedes Mal eine Premiere”

Das Familienfoto auf dem Nachttisch oder einfach das Wetter können so ein Einstieg sein. Die Erfahrung haben auch die Mitglieder der Besuchsgruppe im Sankt Gertrauden-Krankenhaus gemacht. 15 Frauen und ein Mann sind es derzeit. Jeder besucht mindestens einmal wöchentlich seine ihm zugeteilte Station, geht in die Zimmer und setzt sich dort ans Bett, wo jemand dankbar für ein offenes Ohr ist. Nicht immer geht es in den Gesprächen um Krankheit und Sorgen, sondern auch um die neuesten Haarfrisuren oder Modetrends.

"Es ist jedes Mal eine Premiere", berichtet Eva-Maria Baranowski, das mache die Tätigkeit sehr interessant. Außerdem bekomme man das Echo. "Ich merke, die Menschen sind froh geworden, während ich bei ihnen war. Das Gesicht hat sich belebt. Das ist befriedigend." Sie teilt sich die Station mit einer anderen Ehrenamtlichen. "Der Austausch hinterher ist wichtig!" Das passiert aber nicht im Krankenhaus, sondern bei einer Tasse Kaffee beim Bäcker um die Ecke. Auf den räumlichen Abstand legt sie wert. Sensibel und humorvoll muss man für diesen Dienst sein, sagt die 84-Jährige. Und eine christliche Einstellung haben. Bevor sie auf Station geht, besucht sie die Krankenhauskapelle und betet für die Kranken. "Das erzähle ich denen aber nicht. Wenn einer zu mir sagt: ‚Beten sie mal für mich‘, sage ich denen immer: ‚Mache ich, Sie müssen aber auch selbst beten.‘"

Erfrischend für die Patienten ist vor allem das Plaudern mit den Besuchern, aber auch über ein Erfrischungstuch Erfrischend für die Patienten ist vor allem das Plaudern mit den Besuchern, aber auch über ein Erfrischungstuch freuen sich viele. Walter Wetzler

Doch die immer kürzeren Liegezeiten wirken sich auch auf die Besuche der Ehrenamtlichen aus. Vertrauen zu den Patienten aufzubauen ist nicht mehr so leicht. Früher wurden sie schon mal gebeten, einen Seelsorger oder Anwalt zu vermitteln, ohne dass die Angehörigen davon erfahren sollten. "Der Patient erzählte einem seine Geschichte". Für so etwas bleibe heutzutage keine Zeit. Und dennoch trifft Eva-Maria Baranowski immer wieder auf alte Bekannte. Gerade kommt sie von einem Mann, der bereits vor einem viertel Jahr im Sankt Gertrauden-Krankenhaus lag und sich bereits damals über das Erfrischungstuch und heute über das Wiedersehen freute.

Weitere Informationen
über den Ausbildungskurs für den Krankenbesuchsdienst vom KDFB gibt es unter Telefon 030 / 301 027 22 oder per Mail heike.neubrand@kdfb-berlin.de.

Kontakt

Elzbieta Stolarczyk
Caritas-Konferenzen Deutschlands Diözesanverband Berlin e.V.
Geschäftsführung
Telefon 030 / 6 66 33-1277 / -1278
E-Mail: e.stolarczyk@caritas-berlin.de

Ausgabe 2/2016: Bildungsgerechtigkeit

"Ideale sind wie Sterne"

Schulleiter Josef SouvageolSchulleiter Josef Souvageol zeichnet ein klares Bild seiner Schüler und deren LernvoraussetzungenChristian Soyke

Bildung ist alles: die Grundlage für Ausbildung und Beruf, ein gesichertes Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe. Aber ist sie auch gerecht? Für Josef Souvageol, Leiter der Grundschule Sankt Mauritius in Lichtenberg, und Hendrikje-Wenke Morawe, Sozialpädagogin an der Sankt-Franziskus-Schule in Schöneberg stellt sich diese Frage jeden Tag. An beiden katholischen Schulen wird Bildungsgerechtigkeit großgeschrieben. Sie ist ein Ideal, für das es sich zu kämpfen lohnt, sagen der Lehrer und die Schulsozialarbeiterin. Die Schulen könnten unterschiedlicher kaum sein: Sankt Mauritius im Berliner Osten ist mit 120 Kindern und zehn Lehrern eine "echte Zwergenschule", so Schulleiter Souvageol. An der Schöneberger Schule Sankt Franziskus hingegen werden jeden Tag mehr als 1000 Kinder und Jugendliche unterrichtet - von der ersten Klasse bis zum Abitur in Stufe 13. "Das verbindet", erklärt Schulsoziarbeiterin Morawe. "Identifikation schafft Zusammenhalt." So verschieden die Schulen sind: Beide haben nicht nur das christliche Wertefundament gemein, sondern auch eine zunehmend heterogene Schülerschaft. So lernen an der Lichtenberger Grundschule Kinder aus dem sozialen Brennpunkt-Kiez Frankfurter Allee Süd ebenso wie Kinder aus besser situierten Familien des Neubaugebiets Rummelsburger Bucht. "Unsere Schüler stammen aus allen Schichten, Milieus und Einkommensklassen", so Schulleiter Souvageol. "Das geht kreuz und quer." Ähnlich ist die Situation in Schöneberg: "Während die einen Eltern als Arzt, Anwalt, Politiker oder Schauspieler arbeiten, beziehen andere Familien Hartz IV", sagt Morawe. Hinzu kommt ein wachsender Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund. Insgesamt 19 Nationalitäten sind an der Sankt Franziskus-Schule vertreten. Faktoren wie die Herkunft, das Wohnumfeld oder auch das Einkommen und der Bildungsgrad der Eltern haben nach wie vor ungebrochenen Einfluss auf den Bildungserfolg. "Die Gefälle sind enorm", erklärt Schulleiter Souvageol. "Die Rede von der Chancengleichheit geht völlig an der Realität vorbei." Kein Schüler hat dieselben Voraussetzungen wie ein anderer, erklärt er, und es wäre "eine Katastrophe, wenn man alle gleich machen wollte". Gerade das Gegenteil ist nach Auffassung des Schulleiters gefragt: "Schule darf sich nicht als reine Lernfabrik verstehen, sondern muss jedem Einzelnen gerecht werden und ihn mit seinen individuellen Anlagen und Fähigkeiten bestmöglich fördern", sagt er. Die Frage der Bildungsgerechtigkeit betrifft nahezu alle Felder des Schulalltags, vom Unterricht bis zur Klassenfahrt, vom Schul- und Büchergeld über die intensive Elternarbeit bis zur engen Vernetzung mit anderen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, der im März eingerichteten Willkommensklasse für Flüchtlingskinder bis zur Kooperation mit dem Caritas-Projekt Kinderopernhaus Lichtenberg.

Eine Collage mit vielen HändenSchule muss alle fördernChristian Soyke

"Die Ideale der Bildungsgerechtigkeit sind wie Sterne", sagt er. "Man kann sie zwar nicht erreichen, aber man kann sich an ihnen orientieren." Besonders deutlich zeigt sich die Tragweite bei der Notenvergabe, betont Souvageol, der selbst Mathematik, Kunst und Sport unterrichtet: "Alle erwarten mit Recht, dass die Zensuren fair erteilt werden. Eine Drei kann aber ein sehr gutes Ergebnis widerspiegeln oder ein eher mäßiges", erklärt er, "je nachdem, unter welchen Umständen sie erreicht wird und wie viel Anstrengung, Fleiß und Mühe in ihr stecken." Ein Spannungsfeld, das der Schulleiter gern mit dem biblischen Gleichnis der Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16 EU) vergleicht, die sich einen gerechten Lohn erhoffen. "Jede Leistung verdient Anerkennung, jeder Schüler Wertschätzung", sagt er.

Soziale Ungleichheit lässt sich zwar niemals völlig kompensieren, sagt Hendrikje-Wenke Morawe. Aber man muss sie erkennen und mit ihr umgehen, "damit Kinder und Jugendliche so gefördert werden, dass sie unabhängig davon, welche Voraussetzungen sie mitbringen, eine gerechte Bildungschance erhalten", betont die Sozialpädagogin der Theophanu gGmbH, einem anerkannten Träger der freien Jugendhilfe und Mitglied beim Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V. Schon ein einfaches Wort der Ermutigung kann Berge versetzen, eine kurze Umarmung Wunder bewirken, sagt sie: "Ganz egal, ob ein Test vergeigt wurde, es Zoff auf dem Pausenhof gab oder daheim der Haussegen schief hängt." Damit allein ist es jedoch nur selten getan, denn die wahren Schwierigkeiten lassen sich nicht mal eben in der Pause aus der Welt schaffen. Umso mehr kommt es darauf an, "dass immer jemand da ist, dem sich die Schüler anvertrauen können - was auch immer los ist". Jemand, der zuhört und die Sorgen ernst nimmt, der Rat gibt und zwischen Schülern, Lehrern und Eltern vermittelt - jemand, der Kindern und Jugendlichen wie ein Anwalt zur Seite steht und ihnen hilft, Probleme anzugehen, die so unterschiedlich sein können, wie die Schüler selbst. Darüber hinaus ist die Präventionsarbeit ein Schlüssel für mehr Bildungsgerechtigkeit, sagt die Schulsozialarbeiterin: "Wichtig ist, dass Schüler nicht nur pauken, sondern auch lernen, Verantwortung zu übernehmen - für sich selbst und für andere." Dies gelingt nach ihren Erfahrungen vor allem dann, wenn sie sich aktiv einbringen und beteiligen können, beispielsweise als Streitschlichter. Oder auch als Medienscouts, die ihre Mitschüler für einen sicheren Internet- und Smartphone-Umgang sensibilisieren. Ein Schüler hilft dem anderen, gibt sein Wissen weiter und ist im Schulalltag Ansprechpartner für seine Mitschüler. Das Erleben von Zutrauen, Regeln, Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftssinn ist für alle wertvoll, ganz besonders aber für diejenigen, die solche Dinge sonst im außerschulischen Umfeld nicht in ausreichendem Maß erfahren.

Hendrikje-Wenke MoraweHendrikje-Wenke Morawe öffnet ihre Türe für alle, die ein offenes Ohr brauchenChristian Soyke

"Je mehr es gelingt, Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, und sie dementsprechend in ihrer sozialen und schulischen Entwicklung ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten, desto mehr wird gewonnen", so die Sozialpädagogin, "für den Einzelnen, die Bildungsgerechtigkeit und die ganze Gesellschaft." Sowohl für Schulleiter Souvageol von der Lichtenberger Sankt Mauritius-Grundschule als auch für Schulsozialarbeiterin Morawe von der Schöneberger Sankt Franziskus-Schule ist das Ideal der Bildungsgerechtigkeit eine Aufgabe, die oft schier unlösbar scheint, aber die dennoch jede Anstrengung wert ist. "Davon hängt viel ab", sagen sie. "Denn die Zukunft der Kinder ist unser aller Zukunft." 

 

Weitere Informationen zur Schulsozialarbeit der Theophanu gGmbH

Raus aus der Armutsfalle

Annette Schymalla leitet das Projekt MOBI BerlinAnnette Schymalla leitet das Projekt MOBI BerlinWalter Wetzler

Deutschland hat sie sich anders vorgestellt: "Nicht so kompliziert", sagt Silviya Hristova. Vor knapp einem Jahr macht sich die junge Mutter im bulgarischen Razgrad auf, um der Armut dort zu entfliehen und im fast 2000 Kilometer fernen Berlin ein besseres Leben zu suchen. Doch aus der großen Hoffnung, die sie mitbringt, wird pure Verzweiflung. Die mobile Beratungsstelle für Zuwandernde aus Südosteuropa MOBI.Berlin unterstützt sie nun mit ihrer Familie dabei, einen Teufelskreis von Schwierigkeiten zu durchbrechen. Als sie in Berlin ankommt, hat Silviya Hristova nicht viel mehr als einen Koffer. Weder die deutsche Sprache hat sie mit im Gepäck noch eine Ausbildung. Keine Wohnung, keine Arbeit - keine Perspektive. Aber sie hat ein Ziel vor Augen: All das soll sich ändern. Es muss sich ändern, zumal Tochter Fatme bei der kranken Großmutter in Bulgarien lebt und dort nicht auf Dauer bleiben kann.
Lebenspartner Mladen findet zwar rasch einen Job als Fahrer bei einem Getränkelieferanten. Trotzdem sind die beiden auf Hilfsbereitschaft angewiesen - auf Freunde und Bekannte, die Mitleid haben und sie für ein paar Tage aufnehmen. Oft müssen sie aber auch in Notunterkünften übernachten, manchmal schlafen sie im Görlitzer Park. "Eine schwierige Situation", sagt sich die 30-Jährige. Zugleich quälen sie die Gedanken an Fatme: "Was ist eine Mutter ohne ihr Kind, was ist ein Kind ohne seine Mutter?" Das fragt sie sich immer wieder. Jedoch scheint es ihr aussichtlos, die Tochter zu sich zu holen, solange keine feste Bleibe gefunden wird und für das Kind gesorgt werden kann. "Das Wichtigste ist doch ein Dach über dem Kopf", so die besorgte Mutter.

Klientin Silviya Hristova bekommt Unterstützung von MOBI BerlinKlientin Silviya Hristova bekommt Unterstützung von MOBI BerlinWalter Wetzler

Die Lage ist prekär und sie spitzt sich noch einmal zu, als sich ein zweites Kind ankündigt: Silviya Hristova ist schwanger - schwanger und obdachlos in einem fremden Land, einer fremden Stadt. Aus dem Traum vom besseren Leben wird ein Alptraum, aus dem Mut und der Zuversicht, die sie mitgebracht hat, werden Angst und pure Verzweiflung: "Was wird mit dem Baby?" Das ist die größte Sorge, als sich die Schwangere in ihrer Not an die Caritas-Beratungsstelle wendet.
Silviya Hristova braucht Hilfe, damit sie nicht im Formular-Dschungel von Bürokratie und Behörden verloren geht, sondern die Unterstützung erhält, auf die sie dringend angewiesen ist. Annette Schymalla, Leiterin von MOBI.Berlin, weiß, was zu tun ist: "Vor allem bei der Existenzsicherung und dem Krankenversicherungsschutz, der aufgrund der Schwangerschaft unverzichtbar ist, haben wir Frau Hristova unterstützt. Nach langem Hin und Her, Widerspruchsverfahren und mithilfe einer Fachanwältin für Sozialrecht haben wir es geschafft." Schließlich gelingt die Anmietung und Einrichtung einer kleinen Wohnung in Schöneberg. Der Partner verliert zunächst seinen Aushilfsjob, findet aber bald einen neuen. Die zweite Tochter erblickt das Licht der Welt: Sevgi ist gesund und munter, und das Paar heiratet. Auch schaffen sie es, die ältere Tochter Fatme zu sich nach Deutschland zu holen. Silviya Hristova ist überglücklich: "Endlich ist die Familie zusammen!" Schulplätze in Berlin sind rar, besonders in den Innenstadt-Bezirken. Trotzdem kann Fatme innerhalb von nur zwei Wochen eingeschult werden. Das Team von MOBI.Berlin begleitet diesen Prozess, die Vorsprache bei dem zuständigen Schulamt, die erstschulische Untersuchung und die Anmeldung in der Schule.
Die Eingewöhnung fällt dem achtjährigen Mädchen nicht leicht. Silviya Hristova muss manche Träne ihrer Tochter trocknen. Sie versucht sie immer wieder zu ermutigen. Mit Erfolg: Von Tag zu Tag geht Fatme mit mehr Begeisterung zur Schule. Sie lernt fleißig und der Kontakt mit den anderen Kindern tut ihr gut. "Schule, das ist Zukunft", sagt Silviya Hristova. "Ich bin so froh und stolz auf Fatme." Die Mutter schöpft Mut - für die Familie und für sich persönlich.

Annette Schymalla und Silviya HristovaAnnette Schymalla und Silviya HristovaWalter Wetzler

Mit der Unterstützung von MOBI.Berlin wachsen aus einer völlig aussichtslos empfundenen Lebenssituation nicht nur Träume, sondern auch Bildungsperspektiven. Noch verlangt die kleine Tochter die volle Fürsorge und Aufmerksamkeit von Silviya Hristova. So bald wie möglich möchte sie aber einen Deutschkurs besuchen und sich auch ohne Übersetzungshelfer verständigen können. Sie will versuchen, eine Arbeit als Reinigungskraft zu finden oder eine Ausbildung als Friseurin. Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg. Aber es ist ein guter Weg und Silviya Hristova muss ihn nicht ganz alleine gehen. Die seit kurzem von der EU geförderte Caritas-Beratungsstelle MOBI.Berlin wird ihr ein Wegweiser sein - ein Wegweiser der Hoffnung und Integration.

 

  

 

Kontakt:
Mobile Beratungsstelle MOBI.Berlin
Levetzowstraße 12 a
10555 Berlin
Tel. 030 / 922 51 614

Sprechzeit
Donnerstags 14 bis 17 Uhr

Zur gesamten Ausgabe der Berliner Sozialcourage

Junge Talente fördern

Stipendiatin Dora MüllerStipendiatin Dora MüllerLina Antje Gühne

Frau Müller, Sie sind Master-Studentin der Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Was war für Sie der Auslöser, sich für einen sozialen Beruf zu entscheiden? 

Das Bedürfnis, für andere Menschen da zu sein, hatte ich schon immer, seit meiner Kindheit. Das hat sich im Laufe meines Lebens ausgeweitet. Zum Beispiel habe ich Kinder betreut und behinderte Menschen begleitet. Aktuell begleite ich eine Familie einmal jährlich für ein bis zwei Wochen in den Urlaub. Das Kind hat das Rett-Syndrom, das ist sehr pflegeaufwendig. Ich bin da, damit die Eltern auch einmal abends essen gehen können oder einfach eine Nacht durchschlafen. Man merkt, wie und woran man arbeitet und dass es Sinn macht. Und Sinnhaftigkeit bei der Arbeit ist für mich das Wichtigste.

In ihrem Leben spielt soziales Engagement also eine große Rolle…

Ja, eine sehr große Rolle. Ich arbeite mindestens 15 Stunden die Woche ehrenamtlich. Dabei muss ich auch immer schauen, wie ich mich finanziere, damit ich die Miete am Ende des Monats zahlen kann.

Sind Sie deshalb auf das Stipendium der Caritas GemeinschaftsStiftung aufmerksam geworden?

Ja, das Thema Geld hat bei meiner Ausbildung schon immer eine Rolle gespielt. Eigentlich wollte ich Kindheitspädagogik in Freiburg studieren, aber das konnte ich mir nicht leisten. Auch mein ur-sprünglicher Wunsch, Kunsttherapie in Holland zu studieren, hat sich nicht erfüllt, weil es damals noch kein Bafög für nicht-deutschsprachige Länder gab. Jetzt studiere ich Heilpädagogik in Berlin und habe von dem Stipendium der Caritas GemeinschaftsStiftung durch einen Aushang in der Uni erfahren. Das Stipendium war offen für alle Studiengänge der sozialen Richtung. Durch die 300 Euro im Monat, die ich durch das Stipendium bekomme, habe ich mehr Zeit für mein Ehrenamt.

Welchen familiären Hintergrund haben Sie?

Ich habe drei Geschwister, meine Eltern leben getrennt seit ich zwei Jahre alt bin und ich habe meist bei meinem Vater gewohnt, meine Geschwister meistens bei meiner Mutter, wir sind immer hin und her gewechselt. Alles ein bisschen chaotisch und kompliziert und bis heute nicht einfach. Ich bin die Einzige aus der Familie, die studiert. Deshalb fehlte es mir etwas an Erfahrung, dass ein Studium Spaß machen kann und dass es dazu gehört, sich auszuprobieren.

Wie hilft Ihnen das Stipendium dabei?

Ich kann mir die Zeit selbst einteilen und muss neben dem Studium weniger jobben, ich kann meinen Interessen, Fähigkeiten und Neigungen nachgehen. Und ich möchte auch mal Kinder, aber im Moment kümmere ich mich noch um so viele andere Kinder, hier und auch im Ausland. Eine Familie zu gründen, das hat noch ein bisschen Zeit.

 

Das Gespräch führte Lina Antje Gühne.

Weitere Informationen zum Stipendium der Caritas GemeinschaftsStiftung