Reportage

Berliner Kältehilfe

Eine Portion Eintopf und eine Portion Herzenswärme

Niemand soll in Berlin erfrieren. Das ist seit 28 Jahren die Mission aller Organisatoren der Berliner Kältehilfe. Einen Beitrag dazu leisten Elisabeth Cieplik und ihr ehrenamtliches Team im Neuköllner Nachtcafé.

ein junger obdachloser Mann beim Essen

Die Tische stehen bereits richtig, nur das bunte Platzset darauf mit Zuckerstreuer, Milchkännchen und einem Windlicht fehlen noch. Solche Details sind Elisabeth Cieplik wichtig. Seit fast 20 Jahren engagiert sie sich im Nord-Neuköllner Nachtcafé, koordiniert die Ehrenamtlichen und packt mit an.
"Ich fand das halt gut", erklärt sie, warum sie sich dafür entschieden hat. Damals arbeitete sie noch in einer Diakoniestation, mittlerweile ist sie im Ruhestand. "Es muss auch gemacht werden." Zumal es immer mehr Obdachlose werden würden. "Ich frage mich allerdings öfter: 'Sollen wir das machen?'" Es müsste eigentlich andere Lösungen geben, der Staat sei in der Verantwortung, findet die 69-Jährige. "Auf der anderen Seite möchte ich auch nicht, dass einer erfriert, weil nicht genug Platz war." Deshalb wird Elisabeth Cieplik auch in dieser Kältehilfesaison gemeinsam mit den anderen Helfern jeden Freitag ihren Gästen eine Auszeit vom Alltag der Straße und der Armut ermöglichen.
Hinter dem Küchentresen schneidet Gunther Laßmann Brot in Scheiben. Thomas Koch verteilt Kuchen und Tassen auf Teller. Seit 18 Uhr sind die ersten im Gemeindesaal am Vorbereiten, weitere kommen, wie es ihr Feierabend zulässt. Die Thermoskannen müssten noch mit Wasser vorgewärmt werden, mahnt Elisabeth Cieplik.
Der Duft von Kaffee und Kakao mischt sich mit dem des Graupeneintopfes, der bereits auf dem Herd köchelt. Manfred Kociok schwingt heute den Kochlöffel gemeinsam mit Peter Matern. "Normalerweise kocht Manfreds Frau", erzählt Elisabeth Cieplik. Ein leichtes Zweifeln, ob das Männerexperiment in der Küche gelingt, kann sie nicht verbergen. Doch Manfred Kociok ist zuversichtlich und grinst: "Ich bin seit 35 Jahren verheiratet, da habe ich eine Menge gelernt."
60 bis 70 Essen servieren die Ehrenamtlichen jede Woche. Es sei schwer zu planen, sagt Elisabeth Cieplik. Großer Ansturm mache sie aber nicht nervös. "Ich weiß ja, was ich nebenan eingefroren habe." Im Notfall werde schnell etwas aufgetaut.

Elisabeth Cieplik auf der Pressekonferenz zu Beginn der Berliner Kältehilfe 2016/2017Elisabeth Cieplik auf der Pressekonferenz zu Beginn der Berliner Kältehilfe 2016/2017Walter Wetzler

Mit einer Mischung aus mütterlicher Fürsorge, Strenge und Herzlichkeit führt sie das Regiment im Nachtcafé. Das gilt sowohl gegenüber den Helfern als auch gegenüber den Gästen. Jeder dürfe kommen. "Wer hierher kommt und sich dazusetzt, hat es nötig. Dafür muss ich mir keine Bescheinigung zeigen lassen." Man müsse sich aber benehmen.
Elisabeth Cieplik kontrolliert noch schnell die Schlafplätze. Die befinden sich im hinteren Teil des Gemeindesaals, mit einer Stoffwand abgetrennt vom Essbereich. 25 Isomatten und Bettenpakete, die jeweils aus einer Woll- und einer bezogenen Decke sowie einem Kissen bestehen, liegen bereit.
Um den Gefrierpunkt liegen an diesem Abend die Temperaturen. Vor der Tür warten bereits einige Gäste auf Einlass. Eigentlich setzen sich die Ehrenamtlichen jetzt noch einmal zusammen, gehen kurz in sich, sprechen vielleicht ein Gebet, bevor der Ansturm losgeht. Doch dafür bleibt heute irgendwie keine Zeit. Die Ungeduld der Gäste ist auch durch die geschlossene Tür zu spüren.
Links und rechts vom Eingang steht jeweils ein Ehrenamtlicher und begrüßt um 19.30 Uhr jeden Gast persönlich mit Handschlag und einem freundlichen "Guten Abend". Man kennt sich, nickt sich zu und steuert seinen Stammplatz an. Die Helfer verteilen Kuchenteller und heiße Getränke. Im Nord-Neuköllner Nachtcafé gibt es keine Selbstbedienung. Die Gäste sollen sich umsorgt fühlen. "Es hat auch einen praktischen Grund", erklärt Elisabeth Cieplik: "So sind wir sicher, dass jeder etwas bekommt."
Thomas Koch stellt sich unter das Wandkreuz und spricht ein freies Gebet. Dann kommt der Graupeneintopf auf die Tische. "Das Essen ist gut", findet Andrea Di Sauro. Seit etwa drei Jahren besucht er das Nachtcafé. "Früher war ich obdachlos und war als Gast hier", erzählt er. "Mittlerweile habe ich wieder eine Wohnung und helfe auch als Ehrenamtlicher."
Für Anselm ist das Nachtcafé ein "Ort der Würde". Die Atmosphäre findet der Obdachlose "friedlich und liebevoll".
Vitos Frauchen lebt nicht auf der Straße. Ihren Namen möchte sie nicht nennen, erzählt aber, dass sie all ihr Geld in ihren Hund stecke und sehen müsse, wo sie für sich selbst etwas zu essen herbekomme. "Vito ist mein Lebensmittelpunkt", sagt sie. Schwer misshandelt hätte sie ihn zu sich genommen und wieder aufgepeppelt. Sie ist dankbar, dass sie mit Vito herkommen dürfe.
Mittlerweile sammeln die Ehrenamtlichen die leeren Teller ein und verteilen noch Bananen als Nachtisch. Derweil beginnt Elisabeth Cieplik mit der Schlafplatzverteilung.

Die Schlafplätze im GemeindesaalDie Schlafplätze im GemeindesaalWalter Wetzler

Pater Kalle Lenz UAC kommt herein, mischt sich kurz unter die Gäste und lädt zur Andacht ein. Einen festen Ablauf gebe es nicht. "Es muss den Nerv treffen. Ich bin da sehr spontan", erklärt er. Ein paar der Gäste und Ehrenamtlichen finden sich in der dunklen Kirche ein. Kerzenschein, Gitarrenklang und Pater Kalles Stimme erfüllen den Raum. "Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da", singt er.
Geborgenheit und Halt trotz Armut, Leid und Kälte erfahren die Menschen im Nachtcafé - durch die Ehrenamtlichen und durch Gott. "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", heißt es im Matthäusevangelium. Jede Woche wird das in Nord-Neukölln gelebt.
Im Gemeindesaal ist es ruhig geworden. 18 Gäste bereiten für diese Nacht ihren Schlafplatz vor und die Ehrenamtlichen ziehen ein Resümee. Wuselig sei es heute gewesen, sind sie sich einig. Eine kurze Übergabe an die Nachtschicht und dann ist es geschafft für diesen Abend. "Jetzt reicht es", beschließt Elisabeth Cieplik. Die Anstrengung der letzten Stunden ist ihr anzusehen. "Ich werde in diesem Jahr 70. Da überlegt man schon vor jeder Saison, ob man das noch einmal macht."

Text: Christina Bustorf