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Stand: 02.03.2017

Interview

Alkoholsucht

„Jeder Song ist ein Geschenk an mein Publikum“

Die Sängerin SMATKA Bartz steht auf der Bühne seit sie zwölf Jahre alt ist. Nach zehn Jahren in London lebt und arbeitet sie heute in Berlin. Gemeinsam mit ihrem Produzententeam schreibt sie Songs in deutscher Sprache. Ihr neuestes Werk „Goldkrone“ dreht sich um Alkoholabhängigkeit.

Portrait der Sängerin SMATKA BartzZORA Fotografie

In deinem neuen Video zu "Goldkrone" geht es um jemanden, der sich seit langem in der Alkoholsucht verloren hat und am Ende ganz allein ist. Wie bist du auf die Idee gekommen, das Thema Alkoholabhängigkeit künstlerisch aufzugreifen?

Eigentlich hatte ich am Anfang ziemlichen Respekt, das Thema überhaupt anzugehen. Der erste Anstoß kam von meinen Produzenten und Mitmusikern Willi und Marco, die mich schon seit langem kennen. Sie wissen, dass ich auch persönliche Erfahrung mit diesem Thema habe und waren der Meinung, dass ich es abseits aller Heiterkeit und Coolness ansprechen sollte. Das Thema Alkoholsucht begegnet mir inzwischen immer mehr. Ich glaube, dass Rausch und Sucht zum Leben gehören, genauso wie der Tod. Aber Sucht kann auch Leben zerstören. Je mehr wir uns mit der Sucht auseinandersetzen, desto mehr können wir beim Umgang mit Sucht helfen. Es ist wichtig, Anstöße für einen Dialog zu geben und offen mit dem Thema umzugehen, um zu verhindern, dass Menschen süchtig werden.

Wie entsteht ein SMATKA-Song?

Mir ist es wichtig, mich einem Thema auf unterschiedlichen Ebenen zu nähern. Ich konzentriere mich bei der Entstehung eines Songs ganz darauf, was das Publikum am meisten bewegen wird. Ich möchte die Menschen berühren, zum Tanzen, zum Lachen, zum Weinen bringen, das ist meine Aufgabe. Meine Songs sind eine Verschmelzung aus Erlebnissen anderer, Beobachtungen und zum Teil auch eigenen persönlichen Erfahrungen. Am Ende mache ich einen Song nicht für mich, er ist ein Geschenk an mein Publikum. Wenn ich dann auf die Bühne gehe, hat das was ich zu sagen habe, relativ wenig mit mir zu tun. In dem Moment, in dem ich einen Song freigebe, gehört er nicht mehr mir.

Das ist ein sehr eigener Ansatz. Was inspiriert dich zu deinen Songs?

Eine Inspiration brauche ich immer, aber ich gehe dabei nie nur von mir aus, sondern hole sie mir auf anderen Wegen. Ich gehe auf Leute zu. Ich finde es wichtig, offen für Menschen zu sein, hinzuschauen wo andere vielleicht wegsehen. Das führt oft zu ganz unerwarteten Erlebnissen, die vieles auslösen können. Vor Jahren ging es mir nicht gut. Ich erhielt unerwartete Hilfe von einem obdachlosen Mann, Sascha. Er hörte mir zu und teilte mit mir das Wenige, das er selbst hatte. Als ich ihn dann in besseren Zeiten wieder mal zufällig traf, dankte ich ihm, dass er mir so geholfen hatte. Das veränderte auch etwas in seiner eigenen Wahrnehmung und berührte ihn sehr. Noch niemals hatte Sascha jemand gesagt, dass er einem anderen Menschen eine wichtige Unterstützung war. Das sind Erfahrungen, die ich meine. Letztendlich drehen sich alle Themen, mit denen ich mich beschäftige, im Kern um die Liebe. Liebe, die jeder sucht, Liebe, die man verliert, Liebe, die man oft auch erst einmal für sich selbst empfinden muss.

Portrait der Sängerin SMATKA BartzFoto: Jeremy O'Donnell

Was willst du mit der Veröffentlichung des Videos und dem Song "Goldkrone" erreichen?

Zum einen möchte ich Mut machen, über Alkoholabhängigkeit so offen wie möglich zu sprechen, zum anderen auch deutlich zeigen, dass es sich dabei um kein Phänomen bestimmter Schichten handelt, sondern es uns alle betreffen kann. Jeder hat jemanden in seinem weiteren Bekanntenkreis, der ein Alkoholproblem hat. Ich will aber auch Menschen erreichen, die sich noch nie bewußt mit dem Thema befasst haben, die Trinken als völlig normal ansehen und die Gefahren vielleicht noch gar nicht erkennen. Wenn man sich mal Songs anhört, die es bisher so gibt, dann singen meist männliche Künstler über Sucht und Trinken. Bisher fehlte es an einer Frau, die über Alkohol spricht. Es sind sehr viel mehr Frauen alkoholabhängig, als man annimmt. Ich wollte meinen Song also aus Sicht einer Frau gestalten und habe dann nach einem Weg gesucht, die sonst oft männlich besetzte Materie auf eine weibliche, sensible Weise zu transportieren. Wenn ich süchtig bin, kann ich keine Liebe mehr bekommen und keine Liebe mehr geben. Letztendlich geht es mir darum, dass ich jedem einzelnen dabei helfen möchte, seinen eigenen Weg aus der Sucht zu finden. Denn ich weiß, dass das mehr als schwierig ist.

Am Ende deines Videos erscheinen Texttafeln, zum einen über die Tatsache, dass Alkoholsucht erst seit 1968 als Krankheit anerkannt ist und zum anderen, dass man sich bei der Caritas Hilfe holen kann. Wie bist du auf die Caritas aufmerksam geworden?

Ich wollte bei der Entstehung des Songs von Anfang an auf Hilfe hinweisen. Ich habe das erste Konzept für das Video zusammen mit einer Lehrerin entwickelt, die mich auf den Gedanken brachte, das Video auch als Unterrichtsmaterial zu betrachten. Es gibt zum Thema Alkoholabhängigkeit wenig geeignete Materialien, um Kinder und Jugendliche zu erreichen. Bei meiner ersten Internetrecherche tauchte sofort die Caritas auf. Ich habe dann bei der Caritas-Suchtberatung in Berlin-Mitte angerufen, um über meine Idee zu sprechen und mir eine fachkundige Meinung einzuholen. Mir wurde sofort ein Termin angeboten, ich bin hingefahren, habe gleich ein gutes Gespräch geführt und mich aufgehoben und angenommen gefühlt.

Wie geht es musikalisch bei dir weiter?

Ich möchte immer nah am Menschen bleiben. Ich beschäftige mich in meiner dritten Single mit Narzissmus, am Ende geht es aber wie bei "Goldkrone" auch wieder um die Liebe. Das alles beherrschende Thema in meiner Musik - denn Liebe ist für mich der Hauptgrund, warum wir hier sind. Jetzt bin ich aber erst einmal sehr gespannt, wie "Goldkrone" ankommt und ehrlich gesagt auch ziemlich aufgeregt.

Das Gespräch führten Thomas Gleißner und Christina Kölpin.

 

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