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Gesang, Tanz, Kunst

Oper - Das Natürlichste der Welt

Kinder auf der Bühne

"Und bitte noch mal alles auf Anfang." So langsam verlieren einige Kinder die Geduld. "Das ist jetzt aber ganz schön fies, Cordula", entgegnet die kleine Theresa angestrengt. Sie ist eine der knapp 30 Kinder, die dieses Jahr am Projekt Kinderopernhaus Lichtenberg mitwirken. Die Proben für die achte Produktion laufen auf Hochtouren. Und seit dem 22. März üben die Kinder ihren großen Auftritt sogar schon in der Intendanz der Staatsoper "Unter den Linden". Der Applaus des Fachpublikums am Abend der Generalprobe (Mittwoch, 4. April) hat gezeigt, dass sich die Arbeit lohnte. Fast fehlerfrei haben die Darsteller präsentiert, welches Zauberstück sie in den letzten Monaten erarbeitet haben. Viele Nerven hat die Arbeit, die seit Sommer letztem Jahr angefallen ist, gekostet. Aber sowohl die Projektmitarbeiter als auch die Schauspieler und Solisten sind sich einig: Wir haben unser Ziel fast erreicht. Aufgeben kurz vor Schluss, gibt es nicht.

Kinder auf der Bühne

Das Projekt Kinderopernhaus Lichtenberg ist eine langjährige Kooperation des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin e.V. und der Berliner Staatsoper. Kinder im Alter von neun bis zwölf Jahren, die in ihrem Kiez selbst nicht mit kulturellen Angeboten in Berührung kommen, werden hier mit klassischer Musik zusammengeführt. Initiiert wurde das Projekt von Regina Lux-Hahn, die sich seit 2009 zusammen mit Musik- und Theaterpädagogen der Staatsoper dafür einsetzt, dass diese Kinder ihr eigenes Opernstück auf die Bühne bringen können. Die wöchentlichen Proben des Kinderopernhauses finden im Kinder- und Jugendfreizeitzentrum Steinhaus der Caritas im Stadtteil Frankfurter-Allee-Süd (FAS) statt.

So auch seit Sommer 2017 die Probenarbeit am Stück "Fanny! - Wer will mir wehren zu singen". Die Geschichte der Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy, die niemals die Chance bekam, ihr Talent als Komponistin und Pianistin an die Öffentlichkeit zu tragen. Eine besonders wichtige Rolle im Kinderopernhaus-Team nimmt dabei Cordula Däuper ein, die für die Stückentwicklung und Inszenierung verantwortlich ist. Die Kinder begeben sich mit dem Stück in eine Zeitreise in die Vergangenheit und entdecken die Unterschiede zwischen dem Leben der Kinder im 19. Jahrhundert und der heutigen Zeit. Historische Dokumente, Briefe der Eltern Fannys und diese zwischen ihr und ihrem Bruder Felix wurden für die Produktion zu Dialogen umgeschrieben. Vieles auch umgewandelt in Tanz und Gesang - so wie es sich für eine Oper gehört. Zwei Sängerinnen der Staatsoper unterstützten den Kinderchor dabei, den Raum der Werkstattbühne, mit der von Fanny selten aufgeführten Musik, zum Leuchten zu bringen. Außerdem bringen Musiker der Staatskapelle weiteren musikalischen Schwung in das Projekt.

Eine Opernsängerin im Portrait

So kommen die Kinder mit dem Notenlesen und dem Umgang mit Musikinstrumenten in Kontakt. Ein paar der Kinder musizieren sogar selbst fleißig mit. Gesang, Tanz, Kunst und Historie - all das lernen die Schüler hier. Wie muss es gewesen sein, als ältere Schwester dem jüngeren Bruder gegenüber benachteiligt zu werden? Wie muss es gewesen sein, wenn die Eltern die Erfüllung des Berufswunsches verboten haben? Für einige der Kinder schwer vorstellbar, für manche aber auch nichts Außergewöhnliches. Denn Aufmerksamkeit in der Familie vermissen einige von ihnen bereits ihr ganzes Leben.

Viele der Eltern sind froh, dass die Kinder beim Projekt Beschäftigung finden, statt die Zeit auf der Straße zu verbringen. Für andere Mütter und Väter sind Chor, Theater und Oper aber auch völliges Neuland. Deshalb legen die Mitarbeiter des Kinderopernhauses sehr viel Wert auf einen starken Austausch mit den Eltern, nämlich mit Elternabenden und Newslettern als Kommunikationsmittel. "Die Eltern sind ganz unterschiedlich. Einige müssen ständig über Probentermine informiert werden, andere sind völlig begeistert und haben die Pläne am Küchenschrank hängen", erzählt Regina Lux-Hahn im Interview. Wer nun allerdings glaubt, es seien nur Kinder aus armen Hartz IV Familien, liegt falsch. Frau Lux-Hahn betont im Gespräch deutlich, dass es ein Projekt für Kinder aus allen sozialen Schichten sei. Auf der Bühne sähe man aber keine Unterschiede. Zwischen den Kindern fände ein unglaublicher Austausch statt, da sie alle etwas gemeinsam haben: Klassische Musik und Kunst waren zuvor für sie alle Fremdwörter. Nun fragt man sich als Außenstehender vielleicht, wie die Kinder auf einmal auf das Projekt gestoßen sind, wenn nicht durch die Eltern angetrieben? Lux-Hahn erzählt im Gespräch, dass es eine Kooperation zwischen dem Kinderopernhaus Lichtenberg und verschiedenen Berliner Grundschulen gäbe. Die Schüler haben dort die Möglichkeit, ab der dritten Klasse an einer AG teilzunehmen.

Kinder auf der Bühne

Wem das nicht genug ist, der soll die Chance haben, im Kinderopernhaus mitzuwirken. Und warum eigentlich nichts Moderneres wie zum Beispiel ein Film oder Musical? "Weil es die komplexeste Kunstform ist", lautet die Antwort der Gesamtleitung. Die Kinder lernen hier vielmehr, als sich richtig auszudrücken und elegant zu bewegen. Sie lernen solidarisch zu sein, Rücksicht zu nehmen, im Team zu arbeiten, sich zu konzentrieren und miteinander umzugehen. "Wer bei uns war, wird immer wissen, wie er sich zu präsentieren hat, wenn es drauf ankommt", behauptet Lux-Hahn stolz. Das Ganze habe viel mit Verhalten zu tun, welches von Anfang an gefördert wird. Mobbing gäbe es hier nicht. Bei der Frage, was die größten Holpersteine zu Beginn der Proben seien, entgegnet die gelernte Tontechnikerin, dass die Spielfreude bei vielen Kindern zuerst geweckt werden musste. Es sei gar nicht so leicht, die Kinder für klassische Musik zu begeistern. Gefördert und gefordert wird dies aber vor allem durch Workshops, regelmäßige Treffen und Kindergesprächskonzerte. Im idyllischen "Grünheide" begann mit einer Probenfreizeit 2017 die Intensivphase von "Fanny!". Hier durften die kleinen Nachwuchsstars sich nicht nur während der Proben, sondern auch bei Spiel und Spaß besser kennen lernen. Seitdem arbeiten sie hart auf ihren großen Auftritt hin, mit welchem sie ihren Familien und Freunden stolz präsentieren möchten, welche Talente in ihnen stecken. "Fanny! - Wer will mir wehren zu singen!" feierte am 5. April 2018 in der "Neuen Werkstatt" der Staatsoper "Unter den Linden" große Premiere. Diese und auch alle weiteren fünf Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Welch toller Erfolg für alle Beteiligten, die sich wahrscheinlich schon jetzt auf die nächste Produktion freuen.

Text: Katrin Labusch

www.kinderopernhaus-lichtenberg.de